An einem stürmischen Tag
auf dem Meer versagte einem mittleren Containerschiff das Steuerruder gänzlich.
Das Schiff trieb quer zum Wind und schaukelte gefährlich mit den Wellen
auf und nieder. Die Besatzung bestand aus vier Seeleuten die, wie sollte
es auch anders sein, nicht die geringste Ahnung hatten wie ein solcher
Schaden zu beheben gewesen wäre. Nicht einmal der geschulte Kapitän
wusste sich in diesem Moment zu helfen. Die Anlagen waren in einem Zustand
die grössere Reparaturen erforderten und diese waren, nicht nur bei
diesem Wetter, von der Besatzung nicht durchzuführen.
So trieb das Schiff immer
mehr in den Wind. Die Ladung begann im oberen Decksbereich in Bewegung zu
geraten und drückte das Schiff immer tiefer in die Wellen. Die
vermeintlich gute Idee den Anker auszuwerfen um das Schiff zu stoppen
erwies sich als Trugschluss. Die Anker mussten sich verharkt haben, denn
sie zogen das Schiff zur
Heckseite immer bis knapp an die Wassergrenze, sodass in diesem Bereich
Wasser in den Schiffskörper gelangte. Die Situation wurde extrem
kritisch.
Zu dieser Zeit sammelten sich ein paar Ratten unter Deck. Instinktiv
merkten die Tiere, dass etwas nicht in Ordnung war. Sie trieb es auf
das Deck um nach Rettungsmöglichkeiten zu suchen und dem zu
sinkenden Schiff zu entkommen.
Immer mehr trieb das lädierte Schiff in die höher werdenden, zornigen
Wellen. Zwei der Seeleute waren verletzt und ein weiterer war bereits über
Bord gegangen. Trotz der SOS-Meldungen des Kapitäns kamen keine Rückmeldungen,
ganz zu schweigen von absehbarer Hilfe. Die Lage spitzte sich Minutenweise
extrem zu. Durch das unkontrollierte Verrutschen der Container geriet das
Schiff zusehends in Schräglage. Immer mehr Wasser trat in den Rumpf und
drückte ihn in die Wellen. Zu allem Überfluss wurde die Wetterlage
zunehmend schlechter und extremer.
Die Ratten verliessen das
Schiff. Ohne zu zögern sprangen sie in die tobende See und versuchten
sich über Wasser zu halten. Ob mit dem Schiff oder ohne, sterben würden
sie höchstwahrscheinlich so oder so. Indem sie aber in einen sicheren
Abstand zum Sog eines untergehenden Schiffes gelangten bestand eine
kleine, wenn auch winzige, Chance zu überleben. Sie trieben schnell mit
der Bewegung des Meeres ab und sie hatten in sofern instinktiv richtig
gehandelt.
Das Schiff begann Heckseitig
unter den Meeresspiegel zu geraten und die Wassermassen zogen an dem
Schiffskörper mit aller Gewalt. Das Schiff versank innerhalb von wenigen
Minuten in den Fluten. Überlebende wird es keine gegeben haben.
Die Ratten, die die noch am
Leben waren, schlängelten sich verzweifelt durch die Wellen. Es war kalt,
sehr kalt. Und obwohl Ratten gewöhnlich zähe und unempfindliche
Schwimmer waren, es zehrte enorm an ihren Kräften. So wurden es immer
weniger oder sie zerstreuten sich im offenen Meer. Zwei der Tiere, ein Päarchen,
aber hatten unendliches Glück. Sie wurden an eine kleine Insel
gespült. Fast bewusstlos und völlig entkräftet versuchten sie sich aus
den Wellen am Strand weiter auf die Insel zu schleppen und es gelang
ihnen.
Nach Stunden der Erschöpfung
nahm der Durst und der Hunger schnell zu und so machten sie sich auf und
suchten zuerst nach Wasser. Sie rochen es. Ganz in der Nähe entdeckten
sie einen Rinnsal an dem sie sich versorgen konnten. Sie wurden mutiger
und machten sich an die Erkundung der kleinen, für sie sehr grossen,
Insel. Es gab reichlich zu fressen, stellten sie schnell fest und deckten
so auch ihren Hunger in grossen Mengen vorerst vollständig ab.
Vorsichtig, aber bestimmt, suchten sie die Insel
Stück für Stück auf ihre Weise und mit ihren Zielen ab. Es war genau
genommen ein Paradies für die beiden. Keine natürlichen Feinde, zu
fressen und zu trinken im Überfluss und in einer Vielfalt die erstaunlich
für sie war. Ideale Versteckmöglichkeiten im Falle eines Falles einfach
alles war vorhanden.
Und so war es auch, es gab
hier nichts was die beiden stören konnte und nichts was ihnen die Nahrung
streitig machen könnte. Ausser ein paar kleineren Vögeln und
Kriechtieren lebte auf dieser Insel nichts, sie war das Himmelreich für
beiden schlechthin.
Selbst das Unwetter hatte
sich gelegt und es war nur noch ein leichtes Lüftchen zu spüren. Die
Sonne schien auf die kleine Insel und legte sie in ein goldenes Licht.
Die beiden hatten im
wahrsten Sinne des Wortes das grosse Los gezogen. Und es sollte sich so
schnell nichts ändern. Es bahnte sich ein Leben in völliger
Sorglosigkeit an................
So verging die Zeit und die
ersten Nachkommen tummelten sich wohlgenährt und ausgelassen auf der
Insel. Durch die Nahrungsvielfalt, das überschwängliche Angebot und die
verhältnismäßig grosse Fläche
der Insel war dies wohl kein Wunder. Und so kam es, dass über die Jahre
der ´kleine´ Rattenstaat zu einem riesigen Volk heranwuchs. Es waren die
ersten Knappheiten an bestimmten Nahrungsmitteln festzustellen, aber noch
funktionierte die Natur und noch konnten sich die Tiere auf der Insel
verteilen und sich auf bestimmte Arten der Nahrung spezialisieren.........
Aber es war nichts hier was
ihren Vermehrungstrieb und das älter werden aufhalten konnte. Kein ernst
zu nehmender Feind, weder in der Luft, aus dem Wasser oder hier auf der
Insel. Zusehends wurde es eng auf der
kleinen Insel. Es kam zu ersten Auseinandersetzungen bei der
Nahrungssuche. Ja, Nahrungssuche! Denn es war knapp geworden. Der Reichtum
war buchstäblich weggefressen worden. Kein Wunder bei der sprunghaft nach
oben steigenden Bevölkerungszahl der Ratten. Und es gab nur noch Ratten
auf dieser Insel. Nichts war geblieben, kein Vogel und auch keine anderen
Kleintiere, nichts! Selbst die sonst
so üppige Vegetation begann enormen Schaden zu nehmen. Abgenagte
Baumrinde, angeknabberte Wurzeln, sodass die Bäume abstarben. Die Früchte
konnten nicht mehr keimen um für neues Futter zu sorgen. Die Vegetation
wurde in Windeseile gefressen. Alles was essbar war wurde gebraucht und
die Ratten begannen sich im Zweifelsfalle anzugreifen und gegenseitig zu
zerfleischen.
Einige der Tiere waren bei
seichtem Meeresspiegel ins Meer geschwommen um vielleicht etwas anderes zu
finden......ein zweifelhafter Ausweg, aber eine Möglichkeit. Wieder
verliessen sie das ´sinkende Schiff´....Instinktiv..........................
Denn auf der Insel konnte
niemand mehr überleben, es war zu spät. Die Ratten frassen sich entweder
gegenseitig oder verhungerten.
Nach etlichen Jahren
herrschte auf der Insel wieder Ruhe. Verweste Rattenkörper und die Reste
einer völlig desolaten Vegetation waren das Ende der Rattenepoche auf
dieser Insel.
Es dauerte Jahre bis sich
das Bild der Insel wieder in einem normalen Erscheinungsbild zeigte.
Langsam erholte sich die Natur und auch die letzte Spur der Ratten war
verschwunden.
Ja, die Insel war wieder die
verträumte kleine Oase geworden die sie einmal war. Auch und gerade weil
die Stürme ab und zu über sie herfegten. Sie war gereinigt.............
Diese Wunden hatte die Natur
geheilt!
Jahre später wurden während
eines verheerenden Sturmes zwei Menschen an diese Insel getrieben....ein
Schiffsunfall......sie lebten! Es waren eine junge Frau und ein junger
Mann................
Die Insel gibt es nicht
mehr, aber sie war so oder so auf keiner
Karte verzeichnet.
