Natürlich
sind 80% dessen was ich jetzt erzähle die pure Phantasie, nämlich meine.
Das betrifft aber nur den Inhalt dieser Geschichte den ich der alten Frau
erzählt habe, der Rest ist eben ein kleines, aber schönes Erlebnis.
Als
ich letzte Woche vom Arzt den Borbyer Berg in Eckernförde hoch fuhr
beschloss ich noch mal kurz auf dem Friedhof vorbei zu schauen. Es war schönes
Abendwetter und ich wollte einfach mal wieder an einem Grab vorbei gehen
Ein kleiner Nachbarssohn an Leukämie im elften Lebensjahr gestorben.
Ich
hab ihn sehr gemocht und er ist in meinen Händen gestorben....und eben
deshalb geh ich immer noch mal vorbei um mit dem Seelchen zu ´sprechen´.
Naja,
ich hab mich dann auf eine der Bänke dort gesetzt und bin ein bisschen über
meine Gedanken eingenickt.....plötzlich steht eine etwas ältere (also älter
als ich...!!) Dame vor mir,
tubt
mich an und sagt zu mir: „ Junger Mann sie können hier aber nicht
schlaaafeeeen!!!“
Ich
schrecke hoch und musste lachen: “ Ach wissen sie ich hab nur ein
bisschen gedöst, es ist so schön noch heut Abend. Aber warum kann man
hier nicht auch mal schlafen? Wenn man doch gern bei all den Seelen ist
und sie vielleicht auch hört? Immerhin kenn ich hier doch einige!...oder
kannte die Menschen.“
„Wirklich?
Hören Sie Sie? Wissen sie mein Mann liegt hier schon soo lang und ich
komme fast jeden Tag hier hoch, aber ich fühl mich immer allein, fürchterlich
allein, wenn ich vor seinem Grab stehe, es pflege und mich sehne.“
„
Setzen Sie sich doch einfach mal neben mich.“, sagte ich Ihr. „ Ich
werd ihnen mal was erzählen,...denn ich bin öfter hier und versuche mir
vorzustellen was all die Seelen hier so treiben.“
Sie
setzte sich neben mich, legte ihre verknöcherte Hand ganz eigenartig
vertraut auf meinen Arm und hörte mir zu.
„
Wie heißen Sie?“ , „ Nantje“, „ ein seltsamer Name!“ , „Ja,
kommt wohl aus dem ostfriesischem, nahe der holländischen Grenze.“,
„Ich heiß Georg und nun hör mir einfach mal zu Nantje!“
Ihre
Hand verkrampfte sich etwas. So als ob sie etwas erwartete was ihr Kraft
und Hoffnung geben könnte und schaute mich irgendwie erwartungsvoll
an.....und ich begann zu erzählen...
Jetzt
beginnt meine Phantasie....für manch einen grausam für uns beide war sie
entsetzlich schön.......................denn das Ergebnis zählte.
Also
begann ich ein bisschen aus meiner Phantasie oder dem Wunschdenken meiner
selbst zu erzählen:
„
Manchmal wenn ich hier sitze und darüber nachdenke, wer und vor allen
dingen wie viele Menschen hier in den langen Jahren in denen es diesen
Friedhof schon gibt, beerdigt
worden sind kommen mir seltsame Gedanken und ich denke oft das ich sie
sehe, die Seelen. Schaun sie, hier liegen sehr wahrscheinlich unzählig
viele Menschen begraben. Nicht nur die von denen man den Grabstein noch
sieht, nein auch die die vor langer Zeit hier ihre Ruhe gefunden haben und
deren Gebeine mit der Zeit verdorrt sind. Aber ihre Seelen werden weiter
hier umher wandern. Zum einen vielleicht weil sie hier geboren und
gestorben sind, zum anderen weil sie sich wohl fühlen und gar nicht mehr
in ihre weit entfernte Heimat zurück möchten. Also genau wie die Leute
die hier gern wohnen und noch leben. Und dann sind da noch diejenigen die
in der Bucht ums Leben gekommen sind und die niemand mehr gefunden hat,
aber deren Seelen auch immer noch hier herumschwirren. Und der städtische
Friedhof ist gleich dort drüben, also ein reges Treiben wenn man´s genau
nimmt. Sicherlich eine bunte Mischung aus allen Schichten und Altersstufen
der Menschen. Und dann stell ich mir vor wie sich treffen, ob am Tag in
der Nacht am Abend, oder am Morgen, jeder so wie er es immer gern in
seinem Leben getan hat. Man stelle sich das vor! Da sitzt der alte Kapitän
dort vorn auf der Bank und schaut auf die Bucht und erzählt dem kleinen
Jungen wie es war als er noch zur See gefahren ist vor langer, langer
Zeit........und anders herum erzählt der Junge dem alten Mann wie es war
als er mit seinem Vater über die Autobahn mit 220 km/h gejagt ist.
An
mancher Ecke treffen sich die Damen aus der Stadt, die einen schon seit
zweihundert Jahren hier und die anderen grad erst dazugekommen und
unterhalten sich über die neueste Mode oder über die doofen Herrn , die´s
ja wohl immer geben wird......und die Kinder rappeln wie eh und je
dazwischen herum. Ob man sich kennt oder nicht spielt keine Rolle mehr und
wer man war interessiert auch keinen mehr.....außer der eigenen Seele hat
man eh alles verloren. Aber man wartet schon und guckt mal wer so vorbei
kommt und sich noch erinnert und ich glaube dann freuen sie sich und
machen sich schon einmal gegenseitig neidisch.....Und manch einer wartet
darauf, dass der Partner des Lebens, die Mama oder der Papa, Bruder oder
Schwester, einfach derjenige den man im Leben gern gehabt hat sich unter
sie mischt......und so glaube ich, dass sich ihr Mann sehr wohl freut,
wenn sie bei im am Grab sitzen, es pflegen. Eben ein wenig Zeit für ihn
haben und ich glaube er sehnt sich genau wie sie nach ihm, nach ihnen.“
Die
alte Dame hatte ihren Kopf an meinen Arm gelegt und schaute mich
angestrengt an:
„
Glauben sie das alles wirklich? Meinen sie wirklich hier ist so ein
freudiges Treiben im Gang und es ist gar nicht so entsetzlich leer und
ruhig hier?“
„
Naja, ich wünsche es mir halt! Alles andere wäre doch zu dumm, oder?“,
sagte ich. Sie lächelte, „ Da haben sie wohl Recht! Und wenn ich jetzt
hier hoch gehe sehe ich das alles ganz anders. Nicht mehr so bedrückend,
kalt und traurig. Ich glaub ich werd sie alle immer mal begrüßen, na
jedenfalls die die ich hier so alle noch gekannt habe und die drüben im
städtischen auch und mal über die Bucht winken.......“.
Nun
musste ich wirklich lachen, „ Aber nicht das die Leute sie nun für verrückt
halten!!“.
„
Das, junger Mann, ist mir eigentlich egal! In meinem Alter!“, gab sie
zurück.
Es
war etwas spät geworden und wir standen auf und gingen den Friedhofsberg
hinunter. Unten am Tor drehte sich die alte Dame um und winkte noch einmal
lächelnd zurück. Ein schöner Feierabend...............nicht nur für
mich.
