Svenja die weiße Wildgans

 

                            Eine Fabel für eine liebe Freundin,

                                 geschrieben im Juni/Juli 2006

    

 

In Schweden inmitten der Seenplatte im Süden des Landes lag ein kleiner Bauernhof auf dem ein Bauer, seine Frau und der kleine Peterle vierzehn Gänse großzogen, ihre Eier, Daunen und Federn auf dem Markt so gut es ging verkauften und davon einigermaßen über die Runden kamen. Manches Mal, wenn eine der Gänse zu alt geworden war wurde sie geschlachtet und die Familie hatte wochenlang zu essen. Denn die Frau des Bauern verstand es das Fleisch so einzulegen, dass nichts schlecht wurde.  Auch für den Nachwuchs wurde regelmäßig gesorgt, so dass kein Mangel entstehen konnte.

Svenja war eine der Gänse auf dem Hof. Sie hoffte jedes Mal wenn der Bauer einer ihrer Geschwister die Eier im Nest lies, dass auch sie bald einmal an der reihe war. Aber bis jetzt hatte sie nie das Glück gehabt. Ihre Schwester tröstete sie dann zwar, aber Svenja war traurig. Wie gern hätte sie auch einmal Kinder gehabt, sie gehütet und beschützt.

Eines Tages, alle Gänse waren,  wie jeden Tag,  am kleinen Bach der zum See führte zum Baden gelassen worden, entdeckte Svenja ein Nest mit fünf Eiern. Sie sahen zwar nicht so aus wie die die sie kannte, aber die Größe stimmte und hier war keine Gans zu sehen der sie gehören könnten. Svenja wusste wie man erfahren konnte, ob Leben in den Eiern war oder nicht.

Also schob sie ihr Köpfchen zwischen die Eier und klopfte mit ihren Schnabel ganz sanft an die Schalen. Ein Schauer überlief den kleinen Gänsekörper, da war Leben! Aber wo war die Mutter? Svenja beschloss zu warten auch wenn sie heute kein Futter mehr bekommen würde, sie wollte hier bleiben. Sie schob sich vorsichtig auf das Nest und duckte sich so flach wie möglich unter das Schilfgras, in der Hoffnung das Peterle sie abends übersehen würde.

Und sie hoffte auch, dass keine Mutter zurückkommen würde, so leid es ihr tat. Sie würde die Kinder bestimmt gut großziehen und beschützen können. Wirklich am Abend, als Peterle die Gänse wieder in den Stall zurück führte übersah er Svenja, die immer noch flach auf dem Nest saß und ängstlich auf die Mutter oder ihn wartete. Kurz bevor die Familie zu Bett gehen wollte ging der Bauer noch einmal in den Stall um zu sehen ob denn alles versorgt und gut daheim angekommen war. Als er wie jeden Abend alle Gänse mit Namen rief und wie immer fleißig Antwort erhielt, denn sie mochten ihn alle, fehlte Svenjas müdes Geschnatter. Tatsächlich, nachdem er nachgeschaut hatte, sie fehlte. Er ging zurück und sprach mit Peterle darüber und er solle morgen früh nach ihr suchen, eine Nacht konnte ihr nicht schaden und viel passieren konnte ihr hier nicht.

Svenja indes saß immer noch geduckt auf ´ihrem´ Nest und wartete. Sie fror ein wenig, denn sie war die Wärme der anderen gewohnt, und sie hatte Hunger. Aber das Nest aufgeben wollte sie um keinen Preis, denn sie fühlte das Leben unter ihr und ihre Gedanken verliefen sich ins unendliche…was wäre wenn? So verbrachte sie die ganze Nacht teils in der Angst die wirkliche Mutter würde wieder kommen, teils frierend und hungrig und teils in Gedanken in der Zukunft mit ´ihren´ Kindern. Am Morgen, als Peterle die Gänse aus dem Schlag lies um sie zum See zu bringen, kam der Vater noch einmal zu ihm und gab ihm noch ein bisschen mehr Futter als sonst mit auf den Weg. „Für Svenja, denn “, so sagte er „ sie wird es brauchen!“.

Peterle brauchte nicht lange zu suchen, denn die alte Anna, wohl die älteste Gans am Hof führte ihn direkt zu dem im Schilf verborgenen Nest auf dem Svenja immer noch fast regungslos saß und nun angstvoll den Hals reckte. Peterle ging ganz vorsichtig zu ihr und streichelte ihr über den Rücken. Sie zitterte, einerseits vor Kälte andererseits vor Angst ihr würde das Nest mit den Eiern weggenommen. Aber Peterle hielt ihr das mitgebrachte Futter hin und seine Hand glitt weiter liebevoll und vorsichtig über ihren Rücken. Fast gierig nahm sie das Futter und schnatterte dabei ein wenig in ihrem müden Ton. Die alte Anna hielt ihr indes eine Standpauke. Warum? Was geht sie die Eier einer Wildgans an, wie lange wollte sie denn noch so weitermachen. Der Bauer würde sie sicherlich holen und ihr alles wegnehmen, sie gehöre doch zum Hof. Aber Svenja lies sich nicht beirren. Sie erklärte Anna, dass da Leben in den Eiern wäre und wenn doch die Mutter nicht mehr da ist. Sie konnte doch die Kleinen nicht einfach so zurück und sterben lassen. Anna wusste sehr wohl dass ohne den Bauern nichts zu machen war, aber im Grunde verstand sie Anna sehr gut. Sie wusste, dass Svenja schon lange an der Reihe gewesen wäre um Junge zu bekommen, aber irgendwie hatte es der Bauer immer wieder vergessen oder vergessen wollen.

Also beschloss Anna ihr zu helfen. Eben wie eine Großmutter einer kleinen unvernünftigen, oder auch nicht, Enkelin helfen konnte. Sie stupste Svenja mit ihrem Schnabel vom Nest und setzte sich selbst darauf. „Geh essen Svenja und beweg dich, für die nächste Nacht! Wenn der Bauer dich lässt. Das Schlafen werden wir dann sehen.“.  Svenja rieb ihr Köpfchen liebevoll am Hals der alten Anna und lief zu anderen. Oh ja sie brauchte die Bewegung, obwohl sie müde war und das Gras und die Gegenwart der anderen Gänse. Neugierig wurde sie begrüßt und sie erzählte was ihr passiert war. Inzwischen war Peterle nach Hause gelaufen und erzählte Vater wie und wo er Svenja gefunden hatte. Der Bauer nahm Peterle an die Hand und ging mit ihm hinunter zum See um sich das Ergebnis, des Nächtlichen Fortbleibens von Svenja an zu sehen.

Als der Bauer in Sichtweite der Gänse kam fing Svenja laut und nicht gerade müde an zu schnattern und begann mit den Flügeln zu schlagen. Gleichzeitig lief sie aufgeregt zum Nest auf dem Anna ganz ruhig liegen blieb und nur mit den Augen blinzelte. Sie versuchte Anna zu bewegen das Nest freizumachen, so dass sie es beschützen konnte. Doch Anna rührte sich nicht vom Fleck. Mit hochgerecktem Hals und schaukelndem Kopf schaute Anna dem Bauer entgegen.

Da stand der Bauer direkt vor Svenja und dem Nest auf dem Anna saß. Svenjas Herz klopfte wie ein Gewitterregen, es rumpelte vor Aufregung. Svenja wusste nichts zu tun als zu schnattern und wie wild umher zu tanzen und mit den Flügeln zu schlagen. Der Bauer ging in die Knie und hielt ihr die Hand entgegen. Er fing an auf sie einzureden und versuchte sie zu beruhigen. Svenja verstand das alles nicht, aber die Nacht hatte sie geschwächt und sie lies sich müde ins Gras sinken. Vielleicht ist so oder so alles vorbei, dachte sie. Sanft streichelte der Bauer mit seinen beiden groben Händen über ihr kleines Köpfchen und kraulte ihr den zitternden Hals und die vor Angst pulsierende Brust.

Als Svenja sich tatsächlich hatte beruhigen lassen, sicherlich auch durch die anstrengende Nacht auf dem Nest, holte der Bauer aus einer Tasche seiner Arbeitshose eine Handvoll Futter und hielt sie Svenja an den Schnabel. Svenja stutzte ein wenig, es roch anders als das Futter das sie gewöhnlich bekamen, aber so verlockend dass Svenja es fast gierig fraß.

Während Svenja fraß schaute sich der Bauer vorsichtig ihre Flügel an, strich die Federn glatt und versuchte sie sanft auseinander zu ziehen. Svenja hatte wieder Angst, denn sie kannte dieses Ritual. Immer dann hatte der Bauer ihnen ein klein wenig weh getan. Anna sagte immer, „ Er will nicht dass wir wegfliegen können und nimmt uns Federn ab, es tut nicht lang weh und ihr wollt doch so oder so hier bleiben!“ . Sie sagte das mit einem ganz bestimmten Nachdruck den alle verstanden und sie hatte Recht, wer wollte schon hier weg. Hier war alles da und sie lebten in Frieden bis zum Ende bei freundlichen Menschen und niemand störte dieses Leben. Aber verwundert stellte Svenja fest, dass der Bauer ihr keineswegs wehgetan hatte. Er legte ihr die Flügel wieder an den Körper und streichelte ihr noch einmal beruhigend über den Körper, lies sie in Ruhe und ging zum Nest und zu Anna hinüber. Schnell folgte Svenja ihm und stellte sich wieder laut schnatternd und Flügelschlagend vor das Nest. Erst als Anna ihr laut befahl ihn in Frieden zu lassen und an das Nest kommen zu lassen, ließ sie widerwillig nach. Sie beobachtete misstrauisch jede Bewegung des Bauern. Anna aber ließ ihn ohne zu widerstreben unter sich fassen, um ein Ei in die Hand zu nehmen und es zu betrachten. Nur kurz schaute er sich das Ei an und schob es dann Anna wieder unter das Gefieder. Noch einmal glitt seine Hand liebevoll über Svenjas und Annas Rücken, dann ging er zu Peterle, der die ganze Zeit mit den anderen Gänsen getollt hatte. Die Gänse mochten den kleinen Jungen sehr gern, denn er verstand es wundervoll auf sie einzugehen.

Der Bauer nahm seinen Sohn beiseite und erklärte ihm, dass er heut Abend nicht alle Gänse mit nach Hause in den Stall nehmen solle. „Lass Svenja und Anna, wenn sie will, hier und leg noch ein wenig Futter von diesem an eine Stelle die du ihnen zeigst“, sagte er zu Peterle. Er gab seinem Sohn das Futter aus seiner Tasche. Peterle fragte den Vater „Darf Svenja die Eier behalten und die Kleinen großziehen?“. Der Bauer antwortete nicht direkt und sagte ihm nur, dass sie sich heut Abend beim Abendbrot noch einmal mit Mutter unterhalten würden, denn es sei ja eine Entscheidung die alle betreffen werde. Der Junge verstand nicht so ganz richtig, aber wenn der Vater es für richtig hielt so hatte er keine Zweifel, dass es so sein würde. Als der Vater gegangen war beobachtete der Junge Svenja und Anna. Sie kümmerten emsig und liebevoll um das Nest und wechselten sich am Nachmittag immer wieder ab das Nest warm zu halten. Dem Jungen wurde klar warum auch Anna, die ja erfahren in solchen Sachen war, nicht mit nach Hause sollte. Natürlich nur wenn sie wollte, aber wie es aussah!

Er hatte das Futter so platziert, dass beide wussten wo die Stelle war und sie hatten auch schon neugierig mit dem Schnabel daran gespielt. Am Abend rief  Peterle die Gänse zusammen und ließ, wie besprochen Svenja und Anna aus. Tatsächlich blieb Anna bei Svenja. Sie schaute sich zwar kurz um, drehte sich aber sofort wieder dem Nest und Svenja zu. Also machte sich Peterle mit den anderen Gänsen auf den Weg nach Hause.

Während die Mutter, nachdem sie vom Markt gekommen war, dass Abendessen vorbereitete und der Junge und ihr Mann den Tisch deckten, hörte man aus dem Stall lautes Schnattern und Flügelschlagen. „ Hört ihr? Sie unterhalten sich über Svenja und Anna und das Nest!“, und lachte.

Später beim Essen begann der Vater zu erzählen, was passiert war und wie es weiter gehen sollte, nach seiner Meinung. Da er aber alle Familienmitglieder mit einbeziehen wollte wurde nun über das weitere Vorgehen gesprochen. Am Ende stellten alle gemeinsam fest, dass sie Svenja, wenn sie konnte und wollte, ihr Nest behalten sollte und, was viel wichtiger war, mit den jungen Wildgänsen fliegen durfte. Für Nachwuchs war ausreichend gesorgt, so dass es nicht zu großen Verlusten bei den Einnahmen und der Versorgung der Familie kommen konnte. Also war die Entscheidung getroffen und jeder in der Familie wusste was in Zukunft zu tun war.

Der kleine Peter sollte jeden Tag am Nest schauen und der Bauer überwachte den gesundheitlichen Zustand von Svenja wann immer er Zeit hatte. Die Bäuerin war für das Futter zuständig. Es war eine besondere Mischung die nur sie kannte, es hatte eine stärkende Wirkung auf die Muskeln und das Federkleid der Gänse. Normalerweise fütterte der Bauer es nur im Winter um die Gänse in dieser Jahreszeit zu schützen.

So verging die erste Woche für Svenja immer noch völlig unverständlich. Sie durfte ihr Nest behalten und wurde zudem besonders gut gefüttert. Wann immer sie Hilfe brauchte war Anna, Peterle oder sogar der Bauer zur Stelle. Anna ging inzwischen am Abend wieder mit zum Hof zurück, den Svenja war selbst imstande das Nest zu versorgen. Sie hatte viel gelernt und Anna war es so zufrieden und sicher das sie es allein schaffen würde die Eier auszubrüten. Eines Morgens fühlte Svenja wie sich unter ihrem Körper das Leben regte. Ein Ei nach dem anderen gab ein kleines nasses, verdutzt schauendes Gänschen frei. Vor Stolz und Freude hätte sie die ganze Welt umfliegen können, dachte sie. Zum ersten Mal machte sie sich Gedanken. Fliegen, wie war das und vor allen Dingen wie machte man das? Die Bewegungen an sich waren ihr nicht fremd, aber…..

Denn sie sahen alle jedes Jahr die Wildgänse über sich hinweg fliegen und sie hörten sie rufen:“ kommt mit, kommt mit nach Süden…“, aber niemand von ihnen hatte je daran gedacht einmal in die Lüfte auf zu steigen und wirklich mit ihnen zu fliegen. Sicherlich hatte der Bauer sie nicht umsonst gestutzt. Nun erst fiel ihr auf , dass er das bei ihr nicht mehr getan hatte und das gute Futter warum? Sollte sie fliegen dürfen, wenn die Kinder es wollten? Sie entfernte sorgsam die inzwischen leeren Schalen der Eier aus dem Nest und nahm ´ihre´ Kinder unter ihre Flügel, duckte sich wieder in das Nest und begann zu überlegen. Peterle war schnell zum Hof gelaufen und sagte den Eltern was am Ufer geschehen war. Gemeinsam gingen sie zum kleinen See und bewunderten Svenja und ihr Jungen. Immer noch hatte Svenja Angst. Unruhig wackelte sie mit dem Kopf bis der Bauer sie wieder sanft streichelte und beruhigend auf sie einredete. Auch alle anderen, sowohl die Gänse als auch die Bäuerin und Peterle kamen zu ihr und, ja sie beglückwünschten Svenja, alle auf ihre eigene Weise. Svenja beruhigte sich schnell und ihr Brustkorb hob sich stolz. Die kleinen Gänse piepsten laut unter ihrem Körper und schauten neugierig unter ihr hervor. Für Svenja war ein wundervoller Traum in Erfüllung gegangen, aber sofort dachte sie wieder an das Fortfliegen. Ihre Kinder würden schnell fliegen können, dass hatte Anna ihr erzählt, aber sie selbst? Würde sie es lernen? Oder überhaupt schaffen so weit oben am Himmel zu schweben und den langen Weg in den Süden überstehen? In solchen Gedanken schlief Svenja mit ihren Jungen ein, immer darauf achtend sich nicht zu schnell zu bewegen und die Kleinen in ihrem ersten richtigen Schlaf auf dieser Welt zu stören und sie warm zu halten. Svenja träumte einen wunderschönen Traum und sie war glücklich.

Die Zeit verging schnell. Die Kleinen wuchsen unter der Pflege Svenjas, der Bauersfamilie und immer wieder der Hilfe Annas schnell und gesund auf. Die Zeit drängte, dass wusste sie und sie musste mit ihren Kindern das Fliegen üben, denn die Kleinen macht die ersten Versuche über dem See und drängten sie es auch zu versuchen. Sie war ihre Mutter und sie musste mit auf die Reise, dass war Svenja inzwischen bewusst. Nicht nur weil Anna es ihr gesagt hatte, sondern weil sie ihre Kinder liebte und weiter bei ihnen sein wollte. Also beschloss Svenja sich mit den Jungen auf den See zu begeben und ihre Versuche zu beobachten um es selbst zu lernen. Immer wieder amte sie die Bewegungen der Kleinen nach und alsbald fand sie nicht nur Spass daran, nein sie merkte, dass ihr diese bekannt waren.

Aus welchen Gründen auch immer.

Am dritten Tag hob Svenja, ohne es eigentlich zu wollen, leicht von der Wasseroberfläche ab und begann in geringer Höhe über den See zu schweben. Svenja war überwältigt von der Leichtigkeit mit der sie sich in der Luft bewegen konnte. Es war phantastisch und ohne es wirklich zu merken schraubten sie ihre Flügelbewegungen immer weiter in Höhe. Die fünf Jungen Gänse begleiteten sie bei ihrem Flug und freuten sich über den Erfolg ihrer Mutter indem sie laute Pfeiftöne von sich gaben und um sie herum in der Luft herumtollten. Auch am  Boden hörte man lautes Geschnatter von den anderen Gänsen und das Lachen und Händeklatschen von Peterle, der begeistert in den Himmel schaute. Svenja und ihre Kinder glitten immer wieder über sie hinweg und inzwischen konnte man schon fast keinen Unterschied mehr zwischen den Kleinen und ihr ausmachen, was das Fliegen anbetraf. Peterle erzählte am Abend der Mutter und dem Vater wie gut Svenja das Fliegen gelernt hatte und der Bauer beschloss am nächsten Tag mit der ganzen Familie zum See zu gehen um Svenjas Künste zu bewundern. Svenja und ihre Jungen hatten noch eine ganze Weile weitergeübt und erst als die Sonne kurz über dem Horizont stand wurden sie ein wenig müde. Sie flogen zurück zum Ufer und drückten sich mit ihren Körpern eng zusammen in das Schilf und die Jungen schliefen sofort fest ein. Nur Svenja konnte noch nicht einschlafen. Sie war so überwältigt von dem was sie erlebt hatte und wäre am liebsten wieder auf den See um dann wieder in die Lüfte aufzusteigen und die Welt aus einer ganz anderen Perspektive zu sehen und die Leichtigkeit des Lebens zu spüren. Aber auch sie wurde müde, reckte ihren Kopf noch einmal über das Schilf und als sie meinte alles  wäre in Ordnung, schlief auch sie endlich glücklich ein.

Svenja schlief unruhig, irgendwie wurde sie immer wieder aus ihren Träumen gerissen und konnte nicht wieder richtig einschlafen. Sie hatte von dem Vater der Jungen geträumt, gab es ihn überhaupt noch? War er dem gleichen vermutlichen Schicksal wie die Mutter zum Opfer gefallen? Oder war er nur weiter gezogen und hatte die Eier zurückgelassen, im Glauben dass sie nicht auszubrüten waren. Sie wusste es nicht, aber von diesen Gedanken kam sie nicht mehr los. Würde sie ihn irgendwann auf den langen Flügen sehen und würde er wissen oder fühlen, dass das seine Jungen waren? Diese Gedanken ließen Svenja am Morgen nicht mehr zur Ruhe kommen und als die Kleinen sich zu regen begannen, beschloss sie mit ihnen zum Futter zu gehen und sich für den Tag zu stärken. Denn sie wollte nicht aufhören mit ihren Kindern zu üben. Die Zeit drängte. Einige andere Vogelschwärme sammelten sich schon um sich bereit für die Reise zu machen und Svenja spürte auch bei ihren Kindern die nervöse Anspannung, die Aufregung die mit der Natur angeboren war. Die Gänse waren schon in der Luft und drehten ihre Kreise über dem See, den Hof bis hinaus über das nahgelegene Dorf. Immer höher und gewagter bewegten sich die sechs Gänse und es sah verwunderlich und schön aus. Eine weiße Gans mit fünf kleinen braun, schwarzweiß gefiederten jungen Gänsen im Gefolge segelten in  einem wundervollen Einklang hoch über der Erde am Himmel dahin Als die Bauersfamilie mit den anderen Gänsen zum See kamen wurden sie aus der Höhe mit lauten Gänserufen begrüßt. Svenja und ihre Jungen drehten einen Kreis und flogen alle in einem bestaunend wirkendem Gleichklang  über sie hinweg. Svenja an der Spitze und zwei Junge auf der Linken drei auf der Rechten. Diese Formation machte das Fliegen für die kleinen leichter. Und sie wurden mit Winken und Rufen, dem Schnattern der übrigen Gänse begeistert angefeuert.

Es war tatsächlich erstaunlich wie schnell die Kleinen und gerade auch Svenja diese Präzision der Bewegungen im Fluge erlernt hatten. Aber die Natur findet immer einen Weg die Instinkte und den Willen der angeborenen Gefühle und Ziele, durchzusetzen Tag für Tag flog die kleine Familie nun. Es war kein üben mehr, nein es war trainieren und das Sammeln von Erfahrungen für den Weg der vor ihnen lag.

Und wirklich eines Tages überflogen die ersten Gänseformationen den Hof und den See und sie riefen: „ kommt, kommt es ist Zeit, macht euch  auf den Weg, kommt, kommt!“ Unruhig schauten sie empor, sie mussten sich bald entscheiden. Am Mittag zog wieder eine Gruppe am Himmel über den See. Auch sie riefen laut, verstummten aber plötzlich und drehten um. Die Gruppe flog eine lange Kurve auf den See hinunter und direkt auf die Jungen und Svenja zu. Sanft landeten sie auf dem Wasser und schwammen weiter zu ihnen hinüber. Svenja begann zu zittern und befahl den Kleinen hinter ihr zu bleiben. Sie wusste, dass dies die Gruppe sein musste aus denen die Mutter der jungen Gänse stammte. Sonst hätte keine Formation den schnellen Flug abgebrochen. Wieder hatte sie Angst, dass ihr die Kinder weggenommen wurden. Tatsächlich, aus der Gruppe löste sich eine Gans und schwamm langsam aber direkt auf Svenja zu. Es konnte nur der Vater sein, dachte sie. Stolz hob Svenja den Kopf und schlug mit den inzwischen starken Flügeln in der Luft. Einfach würde sie die Kinder nicht hergeben, jetzt nicht mehr!  Der Ganter blieb ruhig vor ihr im Wasser stehen, senkte den Kopf und begann mit leiser Stimme zu erzählen. Svenja legte die Flügel ruhig und die Kleinen kamen hinter ihr hervor. Gemeinsam, immer noch angespannt und nervös hörten sie die Worte des älteren Tieres und je mehr er berichtete desto mehr verlor Svenja die Angst und lies ihre Kinder näher zu ihm schwimmen um so besser hören zu können. Er erzählte, dass sie Rast am See gemacht hatten und dass einige der Gruppe stark geschwächt gewesen waren. So hatten sie beschlossen diesen Winter hier zu bleiben um die Jungen zur Welt zu bringen. Die Gegend war warm genug und zu fressen war ausreichend vorhanden. Sie hatten sich ruhige Plätze für ihre Nester gesucht und gebaut. Seine Gefährtin war die erste die ein Nest belegte und zu brüten begann. Am zweiten Tag, als Vater und Mutter einen Wechsel auf dem Nest machten, so dass die Mutter zum Essen auf die Felder hatte fliegen können, war sie nicht zurückgekommen. Sorgenvoll hatten sie Sie gesucht, aber nicht gefunden. Zwei Tage hatten sie gewartet, dass war ihre Art, denn vielleicht war sie nur verletzt und brauchte länger um zurück zu kommen. Sie kam nicht wieder. Da immer noch keine der anderen Gänse ihr Nest belegt hatte beschlossen sie den Weg zum nächsten großen See anzutreten, denn hier war es anscheinend zu gefährlich um weiter zu brüten. Er hatte das Nest verlassen in der Hoffnung eine der Hofgänse, die Wildgänse sahen sie jedes Jahr, würde das Nest finden und es dem Bauer übergeben um es auszubrüten zu lassen. Er hatte von ihm gehört und er wusste er war freundlicher und hilfsbereiter Mensch. Schweren Herzens waren sie alle weitergeflogen und hatten so den kleinen See mit Trauer verlassen. Aber seine Hoffnung war in Erfüllung gegangen.

Scheu und langsam, aber bestimmt, schwamm er auf  Svenja zu um sich zu bedanken. Aufgeregt wich Svenja ein Stück zurück. Wollte er ihr die Kinder jetzt wegnehmen und sie zurücklassen weil er dachte sie würde nicht fliegen können? Die Jungen waren sofort hinter sie geschwommen und drückten sich an sie, so lies sie den Dank zu. Er fuhr ihr mit dem Schnabel liebevoll über den Kopf, den Hals entlang und drückte ihn auf ihren Rücken, als Zeichen des Respekts und des wahrhaftigen Dankes. Svenja hob den Kopf. Auch sie zog mit ihrem Schnabel an seinem Hals entlang und lies ihren Kopf auf seinem Rücken. Beide durchzog ein Gefühl der Wärme, der Ruhe und des Vertrauens. Es herrschte völlige Ruhe, keine der Gänse gab für diesen Moment einen Laut von sich. Der Wind und das Wasser schienen still zu stehen. Aber es war nur ein kurzer Augenblick.

Nun musste entschieden werden, denn die Zeit wurde knapp, die Tage vergingen schnell und der Weg war noch weit. Die Gänse beschlossen über Nacht zu bleiben. Morgen in aller Früh musste eine Entscheidung getroffen werden. Trotz aller Furcht schlief  Svenja mit ihren Jungen schnell ein. Ihr Schlaf war tief und fest, es sollte gut für alle sein. Noch bevor die Sonne endlich über dem Horizont erschien waren die Wildgänse wach geworden. Sie weckten auch Svenja und die Jungen um endlich die notwendigen Vorbereitungen zum Weiterflug zu treffen.

Wieder stieg die Angst in Svenja auf, aber sie wollte standhaft bleiben und fliegen würde sie können, dass wusste sie. Schließlich wurde Svenja aufgefordert zu erzählen wie sie die Jungen gefunden hatte und was sie in der Zwischenzeit mit ihnen erlebt hatte. Also berichtete Svenja die ganze Geschichte vom Fund der Eier bis zum heutigen Tag. Sie berichtete auch von der Fürsorge der Bauern und von Anna, die ihr im Anfang sehr mit ihrer Erfahrung geholfen hatte. Ruhig und manchmal staunend hörten die Wildgänse zu. Besonders interessiert war der Vater der jungen Gänse, denn er fragte immer wieder nach Einzelheiten und schien sie zu bewerten. Schließlich war Svenja mit der Geschichte am Ende angelangt. Die Wildgänse zogen sich nun bis auf  den Vater zurück um zu beraten. Er redete freundlich auf Svenja ein und versuchte sie zu beruhigen. Obwohl es ungewöhnlich war eine Hausgans in der Formation zu haben, meinte er aus ihrer Geschichte heraus gehört zu haben, dass sie viel von den Jungen gelernt hatte und die Kraft in ihren Flügeln sollte ausreichend trainiert sein um sich auf den Flug zu wagen. So verging eine kurze, für Svenja aber lange Zeit, bis sich die Gänse wieder um sie und die Jungen sammelten. Svenja war auf alles gefasst und erwartete die Entscheidung mit Mut und Stolz. Nichts würde sie von ihren Kindern trennen und sie wusste, dass auch die Jungen nicht ohne ihre Mutter fliegen würden. Das aber hatten die Wildgänse inzwischen aus ihrer Geschichte auch heraus gehört und sie zu einer Entscheidung kommen lassen die zwar nicht im Sinne aller war, aber dennoch hatten alle zugestimmt. Bevor sie aber dieses Ergebnis Svenja mitteilen wollten, sollte sie einmal  mit ihren Kindern in höhere Luft aufsteigen um mit ihren Jungen in der Formation zu fliegen.

Svenja wusste nicht welche Entscheidung gefallen war. Sie rief ihre Jungen und sie stiegen über dem See auf so hoch sie konnten. Die sechs Gänse boten in den Lüften ein wahrlich phantastisches Schauspiel. Sie wechselten die Spitze, sie flogen in Gegenwinde und nie löste sich die Formation. Sie hatten gut trainiert. Wieder hörten sie die Rufe der anderen Hausgänse und er Bauersfamilie, die alle inzwischen heran gekommen waren um sie zu beobachten. Aber es waren nicht nur diese Rufe die sie hörten, da war auch erstauntes Rufen der Wildgänse zu hören. Das beruhigte Svenja und auch die Jungen. Als sie wieder am Boden zurück waren und sanft wie immer über dem See auf dem ruhigen Wasser auf die Wildgänse zuschwammen, kam der Vater eilig auf sie zu. „ Macht euch fertig für den Flug, wir müssen weiter“, sagte er knapp und schwamm dicht an der Seite Svenjas mit ihr und den Jungen weiter. Stolz hoben Svenja und die Jungen den Kopf und ihre Herzen klopften vor Freude fast so laut, dass man es hätte hören können. Tatsächlich waren nun wirklich alle einverstanden gewesen. Es sollte so schnell wie möglich weiter gehen, noch heute. Svenja bat um die Möglichkeit sich zu verabschieden. Niemand hatte etwas dagegen und so ging sie mit ihren Jungen dem Bauern und der Familie und den anderen Gänsen entgegen um sich für alles zu bedanken. Es war ein kurzer aber herzlicher Abschied. Er war nicht einfach, denn auch die Jungen waren hier beschützt und gut versorgt aufgewachsen. Jeder wusste das. Jetzt aber war es so weit. So erhoben Svenja und ihre Kinder in die Luft und flogen zu den Wildgänsen auf den See. Alle begannen sich fertig zu machen um noch in dieser Stunde zu fliegen. Jeder der Gänse bekam seinen Platz zum Weiterflug und Svenja sollte sehr weit nach vorn, denn sie war sehr kräftig. Weitaus kräftiger wie manch ein anderer in der Gruppe.

Die Jungen mussten nach hinten in die Formation, sie waren die Schwächsten und dort hatten sie keine Winde die sie aus dem Flug rissen. Aber das hatten sie bereits während ihrer Übungsflüge gelernt. Und sie wussten auch, dass die hinteren die vorderen anspornen mussten um die Geschwindigkeit zu halten und das immer der Stärkste, ausgeruhteste die Spitze übernahm um dann, wenn er vom Flug geschwächt war nach hinten zu gleiten um dem Nächsten die Führung zu überlassen. Jeder in der Formation hatte seine Aufgabe, denn nur so konnten sie ihr Ziel erreichen. Svenjas Kinder waren stolz ihre Mutter so weit vorn zu sehen und sie hatten Vertrauen in sie. Die Führung würde sie nicht übernehmen können, denn sie kannte den Weg noch nicht. Aber sie machte den folgenden Gänsen das Fliegen aufgrund ihrer recht großen Flügel sehr viel leichter.

Und so hob die erste Formation von Wildgänsen mit einer weißen Hausgans vom See ab und flog, zum Dank an die Bauern, noch einmal über den Hof hinweg um sich endgültig zu verabschieden. Schnell stiegen sie in höheren Lüfte auf und gewannen an Geschwindigkeit. Sicherlich würden sie vielen auffallen, denn es war wahrhaftig ein seltener Anblick. Svenja hatte sich nicht mehr umgedreht. Starr schaute sie nach vorn. Ein völlig neues Leben begann in diesen Augenblicken für sie, die weiße Wildgans.

Es war eine harte Bewährungsprobe für Svenja, aber sie überstand die Reise sehr gut und sie war endgültig in die Gemeinschaft aufgenommen worden. Die Jungen wuchsen schnell heran und hatten alsbald ihre eigenen Jungen die sie groß zogen in der Liebe wie es ihre Mutter getan hatte. Svenja hatte sich inzwischen mit dem Vater der Kinder zusammen getan und auch sie hatten noch viele Kinder groß zu ziehen. Das stellte der Bauer jedes Jahr wieder fest wenn die Gänse wieder nach Norden zogen, denn jedes Mal wenn die Gruppe über den Hof flog machte das Paar einen kurzen Abstecher zum Hof des Bauern.

Jedes Jahr warteten die Bäuerin, der Bauer und der kleine Peter sehnsüchtig auf die Gänse um sie wie immer herzlich zu begrüßen. Auch Anna hatte sie noch ein paar Jahre willkommen geheißen, aber nun war sie tot. Sie war sehr alt geworden, dank der Pflege des Bauern und in allen Ehren gestorben. So vergingen die Jahre und auch Svenja fühlte sich nicht als die Jüngste und beschloss mit ihrem Mann zu reden, ob sie nicht die restlichen Jahre ein wenig Ruhe verdient hätten und zum Bauernhof zurück kehren wollten. Wenn es denn möglich wäre. Also besprach sie sich mit ihm und auch er hatte nichts gegen diese Vorstellung. So wollten sie beim nächsten Flug vorbeischauen und sehen wie es um den Hof stand.

Den Hof hatte inzwischen weitestgehend  der junge Peter übernommen und es stand gut dort. Denn auch Peter hatte die richtige Art solch eine Sache zu führen und mit Liebe alles so am Leben zu erhalten wie es Vater und Mutter und die Gänse am liebsten und am besten hatten. So kam eines Tages, als die Gänse wieder in den Norden zogen, die Gruppe Svenjas wieder am Himmel daher gezogen und alle standen am Hof und winkten ihr zu. Diesmal aber kam nicht die gesamte Gruppe zum Hof geflogen. Nur Svenja und ihr Mann segelten in langsamen Flug auf den Hof zu und landeten vor den Bauersleuten.

Der alte Bauer bemerkte sofort die Absicht Svenjas und ging auf sie zu um sie auf seine Weise zu begrüßen. Er streichelt sie sanftmütig über ihren Kopf und fuhr mit der Hand langsam den langen Hals hinunter, legte seine Hand auf ihren Rücken und lies sie einen kurzen Augenblick dort ruhen. Gleiches lies sich auch der alte Ganter gefallen und beide wussten, dass sie willkommen waren, so wie Svenja es sich erhofft und geglaubt hatte. Auch die Bäuerin und Peter hießen sie auf gleiche Art willkommen und so blieben sie den Rest ihres Lebens auf dem Hof.

Manchmal stiegen sie noch gemeinsam in die Höhe. Immer dann wenn die Kinder und Kindeskinder wieder auf die Reise gingen zog es sie noch einmal in die Lüfte und sie flogen zu zweit über den kleinen See. Es ging ihnen hier sehr gut, sie brauchten sich um nichts zu sorgen, dank dem jungen Bauern. Noch einige Jahre zogen ins Land aber dann kam die Zeit auch für sie. Nachdem Svenjas Mann verstorben war, folgte ihm Svenja nur um Tage später.

Der junge Peter begrub sie beide am Ufer des Sees, an der Stelle an der Svenja einst das Nest gefunden hatte, welches ihr Leben völlig verändert hatte.

Und so endet die Geschichte von Svenja der weißen Wildgans. Wenn man allerdings einmal darauf achtet, wird man heute noch Wildgänse sehen die einen sehr großen Anteil an weißen Federn haben. Sind es vielleicht Svenjas Urenkel?