In Schweden inmitten der Seenplatte im Süden des Landes
lag ein kleiner Bauernhof auf dem ein Bauer, seine Frau und der kleine
Peterle vierzehn Gänse großzogen, ihre Eier, Daunen und Federn auf dem Markt
so gut es ging verkauften und davon einigermaßen über die Runden kamen.
Manches Mal, wenn eine der Gänse zu alt geworden war wurde sie geschlachtet
und die Familie hatte wochenlang zu essen. Denn die Frau des Bauern verstand
es das Fleisch so einzulegen, dass nichts schlecht wurde. Auch für den
Nachwuchs wurde regelmäßig gesorgt, so dass kein Mangel entstehen konnte.
Svenja war eine der Gänse auf dem Hof. Sie hoffte jedes
Mal wenn der Bauer einer ihrer Geschwister die Eier im Nest lies, dass auch
sie bald einmal an der reihe war. Aber bis jetzt hatte sie nie das Glück
gehabt. Ihre Schwester tröstete sie dann zwar, aber Svenja war traurig. Wie
gern hätte sie auch einmal Kinder gehabt, sie gehütet und beschützt.
Eines Tages, alle Gänse waren, wie jeden Tag, am
kleinen Bach der zum See führte zum Baden gelassen worden, entdeckte Svenja
ein Nest mit fünf Eiern. Sie sahen zwar nicht so aus wie die die sie kannte,
aber die Größe stimmte und hier war keine Gans zu sehen der sie gehören
könnten. Svenja wusste wie man erfahren konnte, ob Leben in den Eiern war
oder nicht.
Also schob sie ihr Köpfchen zwischen die Eier und
klopfte mit ihren Schnabel ganz sanft an die Schalen. Ein Schauer überlief
den kleinen Gänsekörper, da war Leben! Aber wo war die Mutter? Svenja
beschloss zu warten auch wenn sie heute kein Futter mehr bekommen würde, sie
wollte hier bleiben. Sie schob sich vorsichtig auf das Nest und duckte sich
so flach wie möglich unter das Schilfgras, in der Hoffnung das Peterle sie
abends übersehen würde.
Und sie hoffte auch, dass keine Mutter zurückkommen
würde, so leid es ihr tat. Sie würde die Kinder bestimmt gut großziehen und
beschützen können. Wirklich am Abend, als Peterle die Gänse wieder in den
Stall zurück führte übersah er Svenja, die immer noch flach auf dem Nest saß
und ängstlich auf die Mutter oder ihn wartete. Kurz bevor die Familie zu
Bett gehen wollte ging der Bauer noch einmal in den Stall um zu sehen ob
denn alles versorgt und gut daheim angekommen war. Als er wie jeden Abend
alle Gänse mit Namen rief und wie immer fleißig Antwort erhielt, denn sie
mochten ihn alle, fehlte Svenjas müdes Geschnatter. Tatsächlich, nachdem er
nachgeschaut hatte, sie fehlte. Er ging zurück und sprach mit Peterle
darüber und er solle morgen früh nach ihr suchen, eine Nacht konnte ihr
nicht schaden und viel passieren konnte ihr hier nicht.
Svenja indes saß immer noch geduckt auf ´ihrem´ Nest
und wartete. Sie fror ein wenig, denn sie war die Wärme der anderen gewohnt,
und sie hatte Hunger. Aber das Nest aufgeben wollte sie um keinen Preis,
denn sie fühlte das Leben unter ihr und ihre Gedanken verliefen sich ins
unendliche…was wäre wenn? So verbrachte sie die ganze Nacht teils in der
Angst die wirkliche Mutter würde wieder kommen, teils frierend und hungrig
und teils in Gedanken in der Zukunft mit ´ihren´ Kindern. Am Morgen, als
Peterle die Gänse aus dem Schlag lies um sie zum See zu bringen, kam der
Vater noch einmal zu ihm und gab ihm noch ein bisschen mehr Futter als sonst
mit auf den Weg. „Für Svenja, denn “, so sagte er „ sie wird es brauchen!“.
Peterle brauchte nicht lange zu suchen, denn die alte
Anna, wohl die älteste Gans am Hof führte ihn direkt zu dem im Schilf
verborgenen Nest auf dem Svenja immer noch fast regungslos saß und nun
angstvoll den Hals reckte. Peterle ging ganz vorsichtig zu ihr und
streichelte ihr über den Rücken. Sie zitterte, einerseits vor Kälte
andererseits vor Angst ihr würde das Nest mit den Eiern weggenommen. Aber
Peterle hielt ihr das mitgebrachte Futter hin und seine Hand glitt weiter
liebevoll und vorsichtig über ihren Rücken. Fast gierig nahm sie das Futter
und schnatterte dabei ein wenig in ihrem müden Ton. Die alte Anna hielt ihr
indes eine Standpauke. Warum? Was geht sie die Eier einer Wildgans an, wie
lange wollte sie denn noch so weitermachen. Der Bauer würde sie sicherlich
holen und ihr alles wegnehmen, sie gehöre doch zum Hof. Aber Svenja lies
sich nicht beirren. Sie erklärte Anna, dass da Leben in den Eiern wäre und
wenn doch die Mutter nicht mehr da ist. Sie konnte doch die Kleinen nicht
einfach so zurück und sterben lassen. Anna wusste sehr wohl dass ohne den
Bauern nichts zu machen war, aber im Grunde verstand sie Anna sehr gut. Sie
wusste, dass Svenja schon lange an der Reihe gewesen wäre um Junge zu
bekommen, aber irgendwie hatte es der Bauer immer wieder vergessen oder
vergessen wollen.
Also beschloss Anna ihr zu helfen. Eben wie eine
Großmutter einer kleinen unvernünftigen, oder auch nicht, Enkelin helfen
konnte. Sie stupste Svenja mit ihrem Schnabel vom Nest und setzte sich
selbst darauf. „Geh essen Svenja und beweg dich, für die nächste Nacht! Wenn
der Bauer dich lässt. Das Schlafen werden wir dann sehen.“. Svenja rieb ihr
Köpfchen liebevoll am Hals der alten Anna und lief zu anderen. Oh ja sie
brauchte die Bewegung, obwohl sie müde war und das Gras und die Gegenwart
der anderen Gänse. Neugierig wurde sie begrüßt und sie erzählte was ihr
passiert war. Inzwischen war Peterle nach Hause gelaufen und erzählte Vater
wie und wo er Svenja gefunden hatte. Der Bauer nahm Peterle an die Hand und
ging mit ihm hinunter zum See um sich das Ergebnis, des Nächtlichen
Fortbleibens von Svenja an zu sehen.
Als der Bauer in Sichtweite der Gänse kam fing Svenja
laut und nicht gerade müde an zu schnattern und begann mit den Flügeln zu
schlagen. Gleichzeitig lief sie aufgeregt zum Nest auf dem Anna ganz ruhig
liegen blieb und nur mit den Augen blinzelte. Sie versuchte Anna zu bewegen
das Nest freizumachen, so dass sie es beschützen konnte. Doch Anna rührte
sich nicht vom Fleck. Mit hochgerecktem Hals und schaukelndem Kopf schaute
Anna dem Bauer entgegen.
Da stand der Bauer direkt vor Svenja und dem Nest auf
dem Anna saß. Svenjas Herz klopfte wie ein Gewitterregen, es rumpelte vor
Aufregung. Svenja wusste nichts zu tun als zu schnattern und wie wild umher
zu tanzen und mit den Flügeln zu schlagen. Der Bauer ging in die Knie und
hielt ihr die Hand entgegen. Er fing an auf sie einzureden und versuchte sie
zu beruhigen. Svenja verstand das alles nicht, aber die Nacht hatte sie
geschwächt und sie lies sich müde ins Gras sinken. Vielleicht ist so oder so
alles vorbei, dachte sie. Sanft streichelte der Bauer mit seinen beiden
groben Händen über ihr kleines Köpfchen und kraulte ihr den zitternden Hals
und die vor Angst pulsierende Brust.
Als Svenja sich tatsächlich hatte beruhigen lassen,
sicherlich auch durch die anstrengende Nacht auf dem Nest, holte der Bauer
aus einer Tasche seiner Arbeitshose eine Handvoll Futter und hielt sie
Svenja an den Schnabel. Svenja stutzte ein wenig, es roch anders als das
Futter das sie gewöhnlich bekamen, aber so verlockend dass Svenja es fast
gierig fraß.
Während Svenja fraß schaute sich der Bauer vorsichtig
ihre Flügel an, strich die Federn glatt und versuchte sie sanft auseinander
zu ziehen. Svenja hatte wieder Angst, denn sie kannte dieses Ritual. Immer
dann hatte der Bauer ihnen ein klein wenig weh getan. Anna sagte immer, „ Er
will nicht dass wir wegfliegen können und nimmt uns Federn ab, es tut nicht
lang weh und ihr wollt doch so oder so hier bleiben!“ . Sie sagte das mit
einem ganz bestimmten Nachdruck den alle verstanden und sie hatte Recht, wer
wollte schon hier weg. Hier war alles da und sie lebten in Frieden bis zum
Ende bei freundlichen Menschen und niemand störte dieses Leben. Aber
verwundert stellte Svenja fest, dass der Bauer ihr keineswegs wehgetan
hatte. Er legte ihr die Flügel wieder an den Körper und streichelte ihr noch
einmal beruhigend über den Körper, lies sie in Ruhe und ging zum Nest und zu
Anna hinüber. Schnell folgte Svenja ihm und stellte sich wieder laut
schnatternd und Flügelschlagend vor das Nest. Erst als Anna ihr laut befahl
ihn in Frieden zu lassen und an das Nest kommen zu lassen, ließ sie
widerwillig nach. Sie beobachtete misstrauisch jede Bewegung des Bauern.
Anna aber ließ ihn ohne zu widerstreben unter sich fassen, um ein Ei in die
Hand zu nehmen und es zu betrachten. Nur kurz schaute er sich das Ei an und
schob es dann Anna wieder unter das Gefieder. Noch einmal glitt seine Hand
liebevoll über Svenjas und Annas Rücken, dann ging er zu Peterle, der die
ganze Zeit mit den anderen Gänsen getollt hatte. Die Gänse mochten den
kleinen Jungen sehr gern, denn er verstand es wundervoll auf sie einzugehen.
Der Bauer nahm seinen Sohn beiseite und erklärte ihm,
dass er heut Abend nicht alle Gänse mit nach Hause in den Stall nehmen
solle. „Lass Svenja und Anna, wenn sie will, hier und leg noch ein wenig
Futter von diesem an eine Stelle die du ihnen zeigst“, sagte er zu Peterle.
Er gab seinem Sohn das Futter aus seiner Tasche. Peterle fragte den Vater
„Darf Svenja die Eier behalten und die Kleinen großziehen?“. Der Bauer
antwortete nicht direkt und sagte ihm nur, dass sie sich heut Abend beim
Abendbrot noch einmal mit Mutter unterhalten würden, denn es sei ja eine
Entscheidung die alle betreffen werde. Der Junge verstand nicht so ganz
richtig, aber wenn der Vater es für richtig hielt so hatte er keine Zweifel,
dass es so sein würde. Als der Vater gegangen war beobachtete der Junge
Svenja und Anna. Sie kümmerten emsig und liebevoll um das Nest und
wechselten sich am Nachmittag immer wieder ab das Nest warm zu halten. Dem
Jungen wurde klar warum auch Anna, die ja erfahren in solchen Sachen war,
nicht mit nach Hause sollte. Natürlich nur wenn sie wollte, aber wie es
aussah!
Er hatte das Futter so platziert, dass beide wussten wo
die Stelle war und sie hatten auch schon neugierig mit dem Schnabel daran
gespielt. Am Abend rief Peterle die Gänse zusammen und ließ, wie besprochen
Svenja und Anna aus. Tatsächlich blieb Anna bei Svenja. Sie schaute sich
zwar kurz um, drehte sich aber sofort wieder dem Nest und Svenja zu. Also
machte sich Peterle mit den anderen Gänsen auf den Weg nach Hause.
Während die Mutter, nachdem sie vom Markt gekommen war,
dass Abendessen vorbereitete und der Junge und ihr Mann den Tisch deckten,
hörte man aus dem Stall lautes Schnattern und Flügelschlagen. „ Hört ihr?
Sie unterhalten sich über Svenja und Anna und das Nest!“, und lachte.
Später beim Essen begann der Vater zu erzählen, was
passiert war und wie es weiter gehen sollte, nach seiner Meinung. Da er aber
alle Familienmitglieder mit einbeziehen wollte wurde nun über das weitere
Vorgehen gesprochen. Am Ende stellten alle gemeinsam fest, dass sie Svenja,
wenn sie konnte und wollte, ihr Nest behalten sollte und, was viel wichtiger
war, mit den jungen Wildgänsen fliegen durfte. Für Nachwuchs war ausreichend
gesorgt, so dass es nicht zu großen Verlusten bei den Einnahmen und der
Versorgung der Familie kommen konnte. Also war die Entscheidung getroffen
und jeder in der Familie wusste was in Zukunft zu tun war.
Der kleine Peter sollte jeden Tag am Nest schauen und
der Bauer überwachte den gesundheitlichen Zustand von Svenja wann immer er
Zeit hatte. Die Bäuerin war für das Futter zuständig. Es war eine besondere
Mischung die nur sie kannte, es hatte eine stärkende Wirkung auf die Muskeln
und das Federkleid der Gänse. Normalerweise fütterte der Bauer es nur im
Winter um die Gänse in dieser Jahreszeit zu schützen.
So verging die erste Woche für Svenja immer noch völlig
unverständlich. Sie durfte ihr Nest behalten und wurde zudem besonders gut
gefüttert. Wann immer sie Hilfe brauchte war Anna, Peterle oder sogar der
Bauer zur Stelle. Anna ging inzwischen am Abend wieder mit zum Hof zurück,
den Svenja war selbst imstande das Nest zu versorgen. Sie hatte viel gelernt
und Anna war es so zufrieden und sicher das sie es allein schaffen würde die
Eier auszubrüten. Eines Morgens fühlte Svenja wie sich unter ihrem Körper
das Leben regte. Ein Ei nach dem anderen gab ein kleines nasses, verdutzt
schauendes Gänschen frei. Vor Stolz und Freude hätte sie die ganze Welt
umfliegen können, dachte sie. Zum ersten Mal machte sie sich Gedanken.
Fliegen, wie war das und vor allen Dingen wie machte man das? Die Bewegungen
an sich waren ihr nicht fremd, aber…..
Denn sie sahen alle jedes Jahr die Wildgänse über sich
hinweg fliegen und sie hörten sie rufen:“ kommt mit, kommt mit nach Süden…“,
aber niemand von ihnen hatte je daran gedacht einmal in die Lüfte auf zu
steigen und wirklich mit ihnen zu fliegen. Sicherlich hatte der Bauer sie
nicht umsonst gestutzt. Nun erst fiel ihr auf , dass er das bei ihr nicht
mehr getan hatte und das gute Futter warum? Sollte sie fliegen dürfen, wenn
die Kinder es wollten? Sie entfernte sorgsam die inzwischen leeren Schalen
der Eier aus dem Nest und nahm ´ihre´ Kinder unter ihre Flügel, duckte sich
wieder in das Nest und begann zu überlegen. Peterle war schnell zum Hof
gelaufen und sagte den Eltern was am Ufer geschehen war. Gemeinsam gingen
sie zum kleinen See und bewunderten Svenja und ihr Jungen. Immer noch hatte
Svenja Angst. Unruhig wackelte sie mit dem Kopf bis der Bauer sie wieder
sanft streichelte und beruhigend auf sie einredete. Auch alle anderen,
sowohl die Gänse als auch die Bäuerin und Peterle kamen zu ihr und, ja sie
beglückwünschten Svenja, alle auf ihre eigene Weise. Svenja beruhigte sich
schnell und ihr Brustkorb hob sich stolz. Die kleinen Gänse piepsten laut
unter ihrem Körper und schauten neugierig unter ihr hervor. Für Svenja war
ein wundervoller Traum in Erfüllung gegangen, aber sofort dachte sie wieder
an das Fortfliegen. Ihre Kinder würden schnell fliegen können, dass hatte
Anna ihr erzählt, aber sie selbst? Würde sie es lernen? Oder überhaupt
schaffen so weit oben am Himmel zu schweben und den langen Weg in den Süden
überstehen? In solchen Gedanken schlief Svenja mit ihren Jungen ein, immer
darauf achtend sich nicht zu schnell zu bewegen und die Kleinen in ihrem
ersten richtigen Schlaf auf dieser Welt zu stören und sie warm zu halten.
Svenja träumte einen wunderschönen Traum und sie war glücklich.
Die Zeit verging schnell. Die Kleinen wuchsen unter der
Pflege Svenjas, der Bauersfamilie und immer wieder der Hilfe Annas schnell
und gesund auf. Die Zeit drängte, dass wusste sie und sie musste mit ihren
Kindern das Fliegen üben, denn die Kleinen macht die ersten Versuche über
dem See und drängten sie es auch zu versuchen. Sie war ihre Mutter und sie
musste mit auf die Reise, dass war Svenja inzwischen bewusst. Nicht nur weil
Anna es ihr gesagt hatte, sondern weil sie ihre Kinder liebte und weiter bei
ihnen sein wollte. Also beschloss Svenja sich mit den Jungen auf den See zu
begeben und ihre Versuche zu beobachten um es selbst zu lernen. Immer wieder
amte sie die Bewegungen der Kleinen nach und alsbald fand sie nicht nur
Spass daran, nein sie merkte, dass ihr diese bekannt waren.
Aus welchen Gründen auch immer.
Am dritten Tag hob Svenja, ohne es eigentlich zu
wollen, leicht von der Wasseroberfläche ab und begann in geringer Höhe über
den See zu schweben. Svenja war überwältigt von der Leichtigkeit mit der sie
sich in der Luft bewegen konnte. Es war phantastisch und ohne es wirklich zu
merken schraubten sie ihre Flügelbewegungen immer weiter in Höhe. Die fünf
Jungen Gänse begleiteten sie bei ihrem Flug und freuten sich über den Erfolg
ihrer Mutter indem sie laute Pfeiftöne von sich gaben und um sie herum in
der Luft herumtollten. Auch am Boden hörte man lautes Geschnatter von den
anderen Gänsen und das Lachen und Händeklatschen von Peterle, der begeistert
in den Himmel schaute. Svenja und ihre Kinder glitten immer wieder über sie
hinweg und inzwischen konnte man schon fast keinen Unterschied mehr zwischen
den Kleinen und ihr ausmachen, was das Fliegen anbetraf. Peterle erzählte am
Abend der Mutter und dem Vater wie gut Svenja das Fliegen gelernt hatte und
der Bauer beschloss am nächsten Tag mit der ganzen Familie zum See zu gehen
um Svenjas Künste zu bewundern. Svenja und ihre Jungen hatten noch eine
ganze Weile weitergeübt und erst als die Sonne kurz über dem Horizont stand
wurden sie ein wenig müde. Sie flogen zurück zum Ufer und drückten sich mit
ihren Körpern eng zusammen in das Schilf und die Jungen schliefen sofort
fest ein. Nur Svenja konnte noch nicht einschlafen. Sie war so überwältigt
von dem was sie erlebt hatte und wäre am liebsten wieder auf den See um dann
wieder in die Lüfte aufzusteigen und die Welt aus einer ganz anderen
Perspektive zu sehen und die Leichtigkeit des Lebens zu spüren. Aber auch
sie wurde müde, reckte ihren Kopf noch einmal über das Schilf und als sie
meinte alles wäre in Ordnung, schlief auch sie endlich glücklich ein.
Svenja schlief unruhig, irgendwie wurde sie immer
wieder aus ihren Träumen gerissen und konnte nicht wieder richtig
einschlafen. Sie hatte von dem Vater der Jungen geträumt, gab es ihn
überhaupt noch? War er dem gleichen vermutlichen Schicksal wie die Mutter
zum Opfer gefallen? Oder war er nur weiter gezogen und hatte die Eier
zurückgelassen, im Glauben dass sie nicht auszubrüten waren. Sie wusste es
nicht, aber von diesen Gedanken kam sie nicht mehr los. Würde sie ihn
irgendwann auf den langen Flügen sehen und würde er wissen oder fühlen, dass
das seine Jungen waren? Diese Gedanken ließen Svenja am Morgen nicht mehr
zur Ruhe kommen und als die Kleinen sich zu regen begannen, beschloss sie
mit ihnen zum Futter zu gehen und sich für den Tag zu stärken. Denn sie
wollte nicht aufhören mit ihren Kindern zu üben. Die Zeit drängte. Einige
andere Vogelschwärme sammelten sich schon um sich bereit für die Reise zu
machen und Svenja spürte auch bei ihren Kindern die nervöse Anspannung, die
Aufregung die mit der Natur angeboren war. Die Gänse waren schon in der Luft
und drehten ihre Kreise über dem See, den Hof bis hinaus über das
nahgelegene Dorf. Immer höher und gewagter bewegten sich die sechs Gänse und
es sah verwunderlich und schön aus. Eine weiße Gans mit fünf kleinen braun,
schwarzweiß gefiederten jungen Gänsen im Gefolge segelten in einem
wundervollen Einklang hoch über der Erde am Himmel dahin Als die
Bauersfamilie mit den anderen Gänsen zum See kamen wurden sie aus der Höhe
mit lauten Gänserufen begrüßt. Svenja und ihre Jungen drehten einen Kreis
und flogen alle in einem bestaunend wirkendem Gleichklang über sie hinweg.
Svenja an der Spitze und zwei Junge auf der Linken drei auf der Rechten.
Diese Formation machte das Fliegen für die kleinen leichter. Und sie wurden
mit Winken und Rufen, dem Schnattern der übrigen Gänse begeistert
angefeuert.
Es war tatsächlich erstaunlich wie schnell die Kleinen
und gerade auch Svenja diese Präzision der Bewegungen im Fluge erlernt
hatten. Aber die Natur findet immer einen Weg die Instinkte und den Willen
der angeborenen Gefühle und Ziele, durchzusetzen Tag für Tag flog die kleine
Familie nun. Es war kein üben mehr, nein es war trainieren und das Sammeln
von Erfahrungen für den Weg der vor ihnen lag.
Und wirklich eines Tages überflogen die ersten
Gänseformationen den Hof und den See und sie riefen: „ kommt, kommt es ist
Zeit, macht euch auf den Weg, kommt, kommt!“ Unruhig schauten sie empor,
sie mussten sich bald entscheiden. Am Mittag zog wieder eine Gruppe am
Himmel über den See. Auch sie riefen laut, verstummten aber plötzlich und
drehten um. Die Gruppe flog eine lange Kurve auf den See hinunter und direkt
auf die Jungen und Svenja zu. Sanft landeten sie auf dem Wasser und
schwammen weiter zu ihnen hinüber. Svenja begann zu zittern und befahl den
Kleinen hinter ihr zu bleiben. Sie wusste, dass dies die Gruppe sein musste
aus denen die Mutter der jungen Gänse stammte. Sonst hätte keine Formation
den schnellen Flug abgebrochen. Wieder hatte sie Angst, dass ihr die Kinder
weggenommen wurden. Tatsächlich, aus der Gruppe löste sich eine Gans und
schwamm langsam aber direkt auf Svenja zu. Es konnte nur der Vater sein,
dachte sie. Stolz hob Svenja den Kopf und schlug mit den inzwischen starken
Flügeln in der Luft. Einfach würde sie die Kinder nicht hergeben, jetzt
nicht mehr! Der Ganter blieb ruhig vor ihr im Wasser stehen, senkte den
Kopf und begann mit leiser Stimme zu erzählen. Svenja legte die Flügel ruhig
und die Kleinen kamen hinter ihr hervor. Gemeinsam, immer noch angespannt
und nervös hörten sie die Worte des älteren Tieres und je mehr er berichtete
desto mehr verlor Svenja die Angst und lies ihre Kinder näher zu ihm
schwimmen um so besser hören zu können. Er erzählte, dass sie Rast am See
gemacht hatten und dass einige der Gruppe stark geschwächt gewesen waren. So
hatten sie beschlossen diesen Winter hier zu bleiben um die Jungen zur Welt
zu bringen. Die Gegend war warm genug und zu fressen war ausreichend
vorhanden. Sie hatten sich ruhige Plätze für ihre Nester gesucht und gebaut.
Seine Gefährtin war die erste die ein Nest belegte und zu brüten begann. Am
zweiten Tag, als Vater und Mutter einen Wechsel auf dem Nest machten, so
dass die Mutter zum Essen auf die Felder hatte fliegen können, war sie nicht
zurückgekommen. Sorgenvoll hatten sie Sie gesucht, aber nicht gefunden. Zwei
Tage hatten sie gewartet, dass war ihre Art, denn vielleicht war sie nur
verletzt und brauchte länger um zurück zu kommen. Sie kam nicht wieder. Da
immer noch keine der anderen Gänse ihr Nest belegt hatte beschlossen sie den
Weg zum nächsten großen See anzutreten, denn hier war es anscheinend zu
gefährlich um weiter zu brüten. Er hatte das Nest verlassen in der Hoffnung
eine der Hofgänse, die Wildgänse sahen sie jedes Jahr, würde das Nest finden
und es dem Bauer übergeben um es auszubrüten zu lassen. Er hatte von ihm
gehört und er wusste er war freundlicher und hilfsbereiter Mensch. Schweren
Herzens waren sie alle weitergeflogen und hatten so den kleinen See mit
Trauer verlassen. Aber seine Hoffnung war in Erfüllung gegangen.
Scheu und langsam, aber bestimmt, schwamm er auf
Svenja zu um sich zu bedanken. Aufgeregt wich Svenja ein Stück zurück.
Wollte er ihr die Kinder jetzt wegnehmen und sie zurücklassen weil er dachte
sie würde nicht fliegen können? Die Jungen waren sofort hinter sie
geschwommen und drückten sich an sie, so lies sie den Dank zu. Er fuhr ihr
mit dem Schnabel liebevoll über den Kopf, den Hals entlang und drückte ihn
auf ihren Rücken, als Zeichen des Respekts und des wahrhaftigen Dankes.
Svenja hob den Kopf. Auch sie zog mit ihrem Schnabel an seinem Hals entlang
und lies ihren Kopf auf seinem Rücken. Beide durchzog ein Gefühl der Wärme,
der Ruhe und des Vertrauens. Es herrschte völlige Ruhe, keine der Gänse gab
für diesen Moment einen Laut von sich. Der Wind und das Wasser schienen
still zu stehen. Aber es war nur ein kurzer Augenblick.
Nun musste entschieden werden, denn die Zeit wurde
knapp, die Tage vergingen schnell und der Weg war noch weit. Die Gänse
beschlossen über Nacht zu bleiben. Morgen in aller Früh musste eine
Entscheidung getroffen werden. Trotz aller Furcht schlief Svenja mit ihren
Jungen schnell ein. Ihr Schlaf war tief und fest, es sollte gut für alle
sein. Noch bevor die Sonne endlich über dem Horizont erschien waren die
Wildgänse wach geworden. Sie weckten auch Svenja und die Jungen um endlich
die notwendigen Vorbereitungen zum Weiterflug zu treffen.
Wieder stieg die Angst in Svenja auf, aber sie wollte
standhaft bleiben und fliegen würde sie können, dass wusste sie. Schließlich
wurde Svenja aufgefordert zu erzählen wie sie die Jungen gefunden hatte und
was sie in der Zwischenzeit mit ihnen erlebt hatte. Also berichtete Svenja
die ganze Geschichte vom Fund der Eier bis zum heutigen Tag. Sie berichtete
auch von der Fürsorge der Bauern und von Anna, die ihr im Anfang sehr mit
ihrer Erfahrung geholfen hatte. Ruhig und manchmal staunend hörten die
Wildgänse zu. Besonders interessiert war der Vater der jungen Gänse, denn er
fragte immer wieder nach Einzelheiten und schien sie zu bewerten.
Schließlich war Svenja mit der Geschichte am Ende angelangt. Die Wildgänse
zogen sich nun bis auf den Vater zurück um zu beraten. Er redete freundlich
auf Svenja ein und versuchte sie zu beruhigen. Obwohl es ungewöhnlich war
eine Hausgans in der Formation zu haben, meinte er aus ihrer Geschichte
heraus gehört zu haben, dass sie viel von den Jungen gelernt hatte und die
Kraft in ihren Flügeln sollte ausreichend trainiert sein um sich auf den
Flug zu wagen. So verging eine kurze, für Svenja aber lange Zeit, bis sich
die Gänse wieder um sie und die Jungen sammelten. Svenja war auf alles
gefasst und erwartete die Entscheidung mit Mut und Stolz. Nichts würde sie
von ihren Kindern trennen und sie wusste, dass auch die Jungen nicht ohne
ihre Mutter fliegen würden. Das aber hatten die Wildgänse inzwischen aus
ihrer Geschichte auch heraus gehört und sie zu einer Entscheidung kommen
lassen die zwar nicht im Sinne aller war, aber dennoch hatten alle
zugestimmt. Bevor sie aber dieses Ergebnis Svenja mitteilen wollten, sollte
sie einmal mit ihren Kindern in höhere Luft aufsteigen um mit ihren Jungen
in der Formation zu fliegen.
Svenja wusste nicht welche Entscheidung gefallen war.
Sie rief ihre Jungen und sie stiegen über dem See auf so hoch sie konnten.
Die sechs Gänse boten in den Lüften ein wahrlich phantastisches Schauspiel.
Sie wechselten die Spitze, sie flogen in Gegenwinde und nie löste sich die
Formation. Sie hatten gut trainiert. Wieder hörten sie die Rufe der anderen
Hausgänse und er Bauersfamilie, die alle inzwischen heran gekommen waren um
sie zu beobachten. Aber es waren nicht nur diese Rufe die sie hörten, da war
auch erstauntes Rufen der Wildgänse zu hören. Das beruhigte Svenja und auch
die Jungen. Als sie wieder am Boden zurück waren und sanft wie immer über
dem See auf dem ruhigen Wasser auf die Wildgänse zuschwammen, kam der Vater
eilig auf sie zu. „ Macht euch fertig für den Flug, wir müssen weiter“,
sagte er knapp und schwamm dicht an der Seite Svenjas mit ihr und den Jungen
weiter. Stolz hoben Svenja und die Jungen den Kopf und ihre Herzen klopften
vor Freude fast so laut, dass man es hätte hören können. Tatsächlich waren
nun wirklich alle einverstanden gewesen. Es sollte so schnell wie möglich
weiter gehen, noch heute. Svenja bat um die Möglichkeit sich zu
verabschieden. Niemand hatte etwas dagegen und so ging sie mit ihren Jungen
dem Bauern und der Familie und den anderen Gänsen entgegen um sich für alles
zu bedanken. Es war ein kurzer aber herzlicher Abschied. Er war nicht
einfach, denn auch die Jungen waren hier beschützt und gut versorgt
aufgewachsen. Jeder wusste das. Jetzt aber war es so weit. So erhoben Svenja
und ihre Kinder in die Luft und flogen zu den Wildgänsen auf den See. Alle
begannen sich fertig zu machen um noch in dieser Stunde zu fliegen. Jeder
der Gänse bekam seinen Platz zum Weiterflug und Svenja sollte sehr weit nach
vorn, denn sie war sehr kräftig. Weitaus kräftiger wie manch ein anderer in
der Gruppe.
Die Jungen mussten nach hinten in die Formation, sie
waren die Schwächsten und dort hatten sie keine Winde die sie aus dem Flug
rissen. Aber das hatten sie bereits während ihrer Übungsflüge gelernt. Und
sie wussten auch, dass die hinteren die vorderen anspornen mussten um die
Geschwindigkeit zu halten und das immer der Stärkste, ausgeruhteste die
Spitze übernahm um dann, wenn er vom Flug geschwächt war nach hinten zu
gleiten um dem Nächsten die Führung zu überlassen. Jeder in der Formation
hatte seine Aufgabe, denn nur so konnten sie ihr Ziel erreichen. Svenjas
Kinder waren stolz ihre Mutter so weit vorn zu sehen und sie hatten
Vertrauen in sie. Die Führung würde sie nicht übernehmen können, denn sie
kannte den Weg noch nicht. Aber sie machte den folgenden Gänsen das Fliegen
aufgrund ihrer recht großen Flügel sehr viel leichter.
Und so hob die erste Formation von Wildgänsen mit einer
weißen Hausgans vom See ab und flog, zum Dank an die Bauern, noch einmal
über den Hof hinweg um sich endgültig zu verabschieden. Schnell stiegen sie
in höheren Lüfte auf und gewannen an Geschwindigkeit. Sicherlich würden sie
vielen auffallen, denn es war wahrhaftig ein seltener Anblick. Svenja hatte
sich nicht mehr umgedreht. Starr schaute sie nach vorn. Ein völlig neues
Leben begann in diesen Augenblicken für sie, die weiße Wildgans.
Es war eine harte Bewährungsprobe für Svenja, aber sie
überstand die Reise sehr gut und sie war endgültig in die Gemeinschaft
aufgenommen worden. Die Jungen wuchsen schnell heran und hatten alsbald ihre
eigenen Jungen die sie groß zogen in der Liebe wie es ihre Mutter getan
hatte. Svenja hatte sich inzwischen mit dem Vater der Kinder zusammen getan
und auch sie hatten noch viele Kinder groß zu ziehen. Das stellte der Bauer
jedes Jahr wieder fest wenn die Gänse wieder nach Norden zogen, denn jedes
Mal wenn die Gruppe über den Hof flog machte das Paar einen kurzen Abstecher
zum Hof des Bauern.
Jedes Jahr warteten die Bäuerin, der Bauer und der
kleine Peter sehnsüchtig auf die Gänse um sie wie immer herzlich zu
begrüßen. Auch Anna hatte sie noch ein paar Jahre willkommen geheißen, aber
nun war sie tot. Sie war sehr alt geworden, dank der Pflege des Bauern und
in allen Ehren gestorben. So vergingen die Jahre und auch Svenja fühlte sich
nicht als die Jüngste und beschloss mit ihrem Mann zu reden, ob sie nicht
die restlichen Jahre ein wenig Ruhe verdient hätten und zum Bauernhof zurück
kehren wollten. Wenn es denn möglich wäre. Also besprach sie sich mit ihm
und auch er hatte nichts gegen diese Vorstellung. So wollten sie beim
nächsten Flug vorbeischauen und sehen wie es um den Hof stand.
Den Hof hatte inzwischen weitestgehend der junge Peter
übernommen und es stand gut dort. Denn auch Peter hatte die richtige Art
solch eine Sache zu führen und mit Liebe alles so am Leben zu erhalten wie
es Vater und Mutter und die Gänse am liebsten und am besten hatten. So kam
eines Tages, als die Gänse wieder in den Norden zogen, die Gruppe Svenjas
wieder am Himmel daher gezogen und alle standen am Hof und winkten ihr zu.
Diesmal aber kam nicht die gesamte Gruppe zum Hof geflogen. Nur Svenja und
ihr Mann segelten in langsamen Flug auf den Hof zu und landeten vor den
Bauersleuten.
Der alte Bauer bemerkte sofort die Absicht Svenjas und
ging auf sie zu um sie auf seine Weise zu begrüßen. Er streichelt sie
sanftmütig über ihren Kopf und fuhr mit der Hand langsam den langen Hals
hinunter, legte seine Hand auf ihren Rücken und lies sie einen kurzen
Augenblick dort ruhen. Gleiches lies sich auch der alte Ganter gefallen und
beide wussten, dass sie willkommen waren, so wie Svenja es sich erhofft und
geglaubt hatte. Auch die Bäuerin und Peter hießen sie auf gleiche Art
willkommen und so blieben sie den Rest ihres Lebens auf dem Hof.
Manchmal stiegen sie noch gemeinsam in die Höhe. Immer
dann wenn die Kinder und Kindeskinder wieder auf die Reise gingen zog es sie
noch einmal in die Lüfte und sie flogen zu zweit über den kleinen See. Es
ging ihnen hier sehr gut, sie brauchten sich um nichts zu sorgen, dank dem
jungen Bauern. Noch einige Jahre zogen ins Land aber dann kam die Zeit auch
für sie. Nachdem Svenjas Mann verstorben war, folgte ihm Svenja nur um Tage
später.
Der junge Peter begrub sie beide am Ufer des Sees, an
der Stelle an der Svenja einst das Nest gefunden hatte, welches ihr Leben
völlig verändert hatte.
Und so endet die Geschichte von Svenja der weißen
Wildgans. Wenn man allerdings einmal darauf achtet, wird man heute noch
Wildgänse sehen die einen sehr großen Anteil an weißen Federn haben. Sind es
vielleicht Svenjas Urenkel?
