Da war irgendwo in diesem Lande mal ein kleines
Mädchen. Na ja so klein war sie auch nicht mehr, aber erwachsen wollte sie
eigentlich nie werden und deshalb bleiben wir bei ´kleines´ Mädchen!. Nun
die Kleine hatte zwar nicht viel an Geld und sonstigem Luxus, die Eltern
kannte sie auch nur vom Hören und Sagen, aber sie war mit sich und der Welt
ansonsten sehr zufrieden. Geschwister waren auch nicht da, aber die anderen
Kinder um sie herum mochten sie sehr. Besonders dann, wenn sie wieder einmal
ihre Späße erzählte oder sie in die Tat umsetzte und das passierte alle Nase
lang. Sie lebte in einem Heim, nun wo sonst sagte sie immer, „Wo soll ich
ohne Eltern und Geschwister leben, alleine? Neenee, dass ist nix für mich“
und sicher wäre sie ja auch nicht gelassen worden meinte sie.
Da hatte sie sicherlich Recht, aber es gefiel ihr hier.
Sie hatte zu essen und konnte ruhig schlafen in ihrem doch sehr schönen
Bettchen und hatte die anderen Kinder denen es ähnlich ging. Sie ging hier
zur Schule, wenn auch manchmal mit etwas Widerwillen. Aber sie hatte das
lesen gelernt und verschlang seit dem viele der Bücher aus der Bibliothek
und träumte so manches Abenteuer in der Nacht und manchmal auch am Tag, wenn
sie Zeit hatte!
Also, was mehr!
Wenn sie dann mal wieder auf dem Händen durch den
ganzen Flur ihres Stockwerkes ´stolzierte´ kringelten sich alle vor Lachen außer ihrer
Pflegemutter. Die dann vor Aufregung einen roten Kopf bekam, den eigentlich
sie selbst hätte haben müssen. Es war ihr Leben und sie genoss es, trotz der
Einschränkungen die sie nun mal hatte.
Oh ja, Wünsche hatte sie viele! Besonders einer ging
ihr nicht aus dem Kopf. Vor nicht allzu langer Zeit hatte sie ein
wunderschönes Buch gefunden. In diesem Buch waren fast nur und sehr schöne
Fotografien von Regenbögen auf der ganzen Welt. Seitdem machte sie sich
Gedanken ob dies nicht vielleicht nicht immer der selbe Regenbogen war, der
nur immer und immer wieder um die ganze Welt zog um den Menschen zu gefallen
und sie mit seinen Farben zu fröhlichen Geschöpfen dieser Erde zu machen.
Und so kam es, dass sie sich wünschte selbst einmal ein Regenbogen zu
werden, ja tatsächlich sie selbst!!
Was wäre schöner als alle Menschen glücklich zu sehen
und sie selbst wäre es, die das geschafft hätte...........so träumte sie
manche Nacht hindurch!
Eines Tages machte die Schule des Heimes mit allen
Kindern einen Ausflug zum nahe gelegenen See. Drei Tage lang sollte gezeltet
und die Natur ringsherum erkundet werden.
Das gefiel unserem kleinen Mädchen sehr. Endlich unter
dem freien Himmel schlafen, na ja nicht ganz aber immer draußen an der
frischen Luft und Nachts eventuell noch mal schnell die Sterne zählen. Ja
das war etwas für die Kleine, vielleicht kam ja auch mal ein Reh oder ein
Fuchs an die Zelte heran und wenn in der Nacht ein Käuzchen rief würde ihr
eine Gänsehaut den Rücken herunter laufen.
Also wurden die Zelte aufgebaut und eingerichtet, die
Feuerstellen hergerichtet, denn es sollte Abends gegrillt werden und viele
Lieder gesungen werden und natürlich würde die nette Mathelehrerin wieder
schaurige aber schöne Geschichten erzählen.
Alle waren mit großem Ergeiz bei der Sache und so war
das kleine Lager schnell und nach allen Wünschen errichtet. Auch eine kleine
Badestelle wurde abgesperrt, allerdings war es zum baden schon ein wenig zu
kühl. Aber eine grobe Wäsche am Morgen und Abend sollten alle wohl schon mal
wagen dürfen.....
Es war eine sehr schöne Zeit für die Kinder und auch
für die Lehrer, die sich alle Mühe gaben die Kinder nicht mit zu viel des
Guten zu überschütten. Manches mal war es eher umgekehrt, der Forscherdrang
der Kinder ging oft in die Abendstunden und fing sehr früh am Morgen schon
an. Und so vergingen die Tage schneller als gewünscht. Am letzten Tag zog am
Nachmittag ein Gewitter auf. Die Sonne schien trotz alledem noch herrlich
und es regnete nur ein mal sehr heftig.
Das kleine Mädchen war in dieser Zeit allein am See
entlang geschlendert. Hatte Blindschleichen gejagt, ein paar Fischchen mit
Holzstückchen geärgert und auch sonst nicht viel des Guten gemacht, aber das
sollte man ja wohl auch mal machen können und dürfen, hatte sie sich
gedacht. Und da wollen wir Ihr ja auch recht geben!!
Sie hatte es donnern hören und blitzen sehen. Ein paar
Regentropfen hatte sie wohl auch abgekriegt, aber weil die Sonne weiter
schien war sie einfach weitergelaufen.
Als sie nun vom Waldrand an das Seeufer ging sah sie
etwas, was sie in den Bann zog.
Direkt vor ihr, vom Rand des Ufers, stieg ein
Regenbogen in den Himmel! Er bog sich wie eine Brücke über den ganzen See
und schillerte in allen Farben dieser Welt. So klar und deutlich hatte sie
noch nie einen Regenbogen gesehen.....es war einfach wunderschön!
Langsam, völlig berauscht von diesem Anblick, ging sie
weiter auf den Regenbogen zu. Er schien zu warten und stand völlig still in
der Luft. Für einen Regenbogen sehr ungewöhnlich, denn er müsste ja mit der
Feuchtigkeit in der Luft wandern, dachte sie.
Die Kleine hatte den unwiderstehlichen Drang den Bogen
zu berühren. Sie wusste, dass das unmöglich war, denn einen Regenbogen
konnte man nicht anfassen. Dennoch streckte sie ihre kleine Hand danach aus
und empfand plötzlich eine ihr unbekannte Wärme.
Erschreckt zog sie den Arm zurück, ein leises,
brummendes Geräusch lag in der Luft und das kleine Mädchen meinte eine
Stimme zu hören. Da sie aber niemand sah, als sie sich umschaute und mehr
ihrer Neugier folgte als dem ängstlichen Gefühl, streckte sie die Hand
wieder aus. Wieder diese Wärme und das Gefühl als ob sie sich an dem
Regenbogen festhalten könne. Jetzt hörte sie die Stimme plötzlich deutlich.
Sie war sehr klar und hatte einen beruhigenden Klang, als sie leise aber
bestimmt sagte: „ Nun kleines Mädchen, willst du mit mir eine große Reise
machen? Ich habe auf dich gewartet und ein wenig Zeit für dich mitgebracht.
Deine Gedanken haben mir von deinen Wünschen und Träumen erzählt.“
Ungläubig aber nicht mehr erschreckt schaute sie an dem
Regenbogen hinauf. War es wirklich dieses wundervolle Farbenspiel was mit
ihr sprach? Konnte es sein das ihre Hände sich tatsächlich an dem Bogen
festhalten konnten? Ohne sich dessen bewusst zu sein war sie wirklich schon
ein kleines Stück an und in dem Regenbogen hinaufgeklettert. Oh ja, dachte
sie, wie gerne möchte ich einmal mit dem Regenbogen durch die Welt reisen
und aus der Höhe sehen wie sich die Menschen an ihm erfreuen und ihn
bestaunen.
Der Regenbogen antwortete als wenn sie ihre Gedanken
ausgesprochen hätte: „ Dann steig weiter an mir hinauf und setz dich an die
höchste Stelle, damit du all das siehst was du möchtest! Du darfst es, man
wird wissen wo du bist. Aber auch das wirst du gleich sehen“.
Ohne weiter nachzudenken, angezogen vom Klang der
Stimme und der Wärme der Farben war sie schon fast an der obersten Biegung
des Bogens angelangt. Sie schaute zurück über den See zur Lagerstelle. Dort
stand ihre Mathelehrerin und winkte zu ihr hinüber. Das Mädchen konnte ihre
Stimme hören als wenn sie neben ihr stehen würde: “Reise mit Ihm um die
Welt. Es ist schon lang her, aber ich habe es auch getan. Es war wunderschön
und ich habe Dinge gesehen die nur wenigen begegnet sind und werden. Er hat
dich ausgesucht. Für dich werden es Tage oder Monate sein die du unterwegs
bist. Wir werden es nicht gemerkt haben, wenn du zurück bist. Erzähle mir von
deiner Reise!“.
Sie selbst sah die Lehrerin nur als eine kleine Gestalt
die winkte. Wie aber konnte sie mich sehen, dachte das Mädchen und warum
kann ich sie hören? „ Sie ist die einzige hier, die dich sehen kann kleines
Mädchen. Und warum hat sie dir gesagt. Als sie noch ein Kind war habe ich
sie einmal mitgenommen weil sie genauso wie du träumen und verstehen kann.
Sie liebt das Leben und beschützt es wie es in ihrer Macht steht. Sie hilft
jedem gleich und sie gibt ohne zu fragen ob sie gewinnt oder verliert. Sie
sieht das Warum dieser Welt! “.
Ohne wirklich zu verstehen was der Regenbogen ihr
gesagt hatte, meinte sie plötzlich zu begreifen warum die Lehrerin solche
wunderschönen Geschichten erzählen konnte. Ihre Phantasie musste grenzenlos
sein, denn jede ihrer Erzählungen war neu und war nirgendwo festgehalten, so
dass man sie hätte nachlesen können.
Indes war der Regenbogen mit dem kleinen Mädchen in
Windes Eile weiter gezogen.
Zu Anfang war ihr ein wenig schwindelig geworden, aber
die Wärme der erzählenden Stimme des Regenbogens gab ihr eine ungewohnte
Geborgenheit und Sicherheit. Angespannt hörte sie einerseits den Erklärungen
zu andererseits bestaunte sie die Welt unter und über sich. Die Menschen,
die Tiere und die Landschaft unter ihnen verwandelte sich in
Sekundenschnelle. Sie sah die Städte, die Flüsse, die Wälder und Seen und
Meere zum ersten mal aus der Höhe und konnte trotzdem jede Einzelheit genau
erkennen. Ja manchmal konnte sie die das Lachen oder das Weinen der Leute
hören. Sogar manches Wort oder Geräusch drang bis hier oben hinauf.
So zog der Regenbogen mit dem kleinen Mädchen um die
Erde und es kam ihr vor als wenn es Jahre waren die sie unterwegs waren. Sie
sah Kriege, Zerstörung, die schönsten und lieblichsten Gegenden der Erde,
die größten Städte und die kleinsten Hütten der Menschen, die Vielfalt der
Tiere und der Menschen, Naturgewalten und die Meere, die höchsten Berge und
sie streiften die Wüsten der Erde. Sie sah die Sonne, die Sterne und den
Mond in ihren Phasen zur Erde stehend und sie sah den Reichtum, den Hunger
und das Elend.
Sie hörte den Lärm der Städte, das Rauschen des Meeres
und der Wasserfälle, die fürchterlichen Schreie des Krieges, die Stille der
Steppen und die friedvollen, wunderbaren Rufe der Wale im Meer. Die im Wind
raunenden Wälder, das Zwitschern und das Schreien der Vögel und die
verschiedenen Sprachen der Menschen und deren Lachen, Weinen, Jammern,
Schreien und Rufen. Die Geräusche der Autos, der Züge und der Pferdekarren,
der Flugzeuge und der Schiffe, das klappern der Mühlen und das Röhren der
Turbinen, das Läuten der Glocken und den Kanonendonner. Sie spürte die Kälte
und die Hitze, die Trockenheit, die Nässe und den Tau, den Sturm, den Wind
und die stehende Luft.
Zu allem erklärte der Regenbogen dem kleinen Mädchen
das Woher und Warum, denn vieles verstand oder kannte sie ja nicht. Je
länger das Mädchen mit dem Regenbogen durch die Welt streifte, desto mehr
Fragen aber hatte sie zu dem Verhalten der Menschen auf dieser Erde. Hierzu
aber schwieg der Regenbogen, denn so sagte er: „ Seitdem ich vor Milliarden
von Jahren aus dem Wasser geboren bin, ist der Mensch bis jetzt nur einen
kurzen Augenblick für mich existent und ich verstehe noch lange nicht das
Warum dieser Lebewesen. Über eines aber bin ich mir im Klaren, wenn sie
diese Erde und sich selbst so weiterbehandeln dauert es nur noch einen
weiteren Augenblick für mich und ich werde nicht mehr da sein. “
Eine große Traurigkeit überkam das Mädchen und sie
machte sich über diesen Satz viele Gedanken. Da der Regenbogen aber ihre
Sorgen erkennen konnte tröstete er sie und zeigte ihr auf, dass es sehr wohl
nicht sein müsse, aber wenn der Mensch nicht beginne sich zu verändern würde es
unweigerlich dazu führen.
Ein Leben ohne Regenbogen wäre schrecklich, dachte das
kleine Mädchen aber der Regenbogen musste lachen.
Im selben Moment stand er wieder über dem See von dem
aus sie losgezogen waren.
Sie mussten Jahre unterwegs gewesen sein, dachte das
kleine Mädchen.
Aber fast unverändert lag das Lager des Heims am Ufer
und die Lehrerin kam ans Wasser gelaufen, winkte wieder und sagte nur für
die Kleine hörbar: „ Komm schnell, wir müssen aufbrechen es wird Zeit für´s
Abendbrot!“. Wieder ging ein leises Brummen durch den Regenbogen während
dessen die Kleine an ihm hinunterrutschte. Am Boden drehte sie sich um und
wollte Abschied nehmen, aber es war kein Regenbogen mehr zu sehen.
Ein wenig traurig aber nicht überrascht lief das
Mädchen zurück zum Lager. Die Lehrerin begrüßte die Kleine sehr, sehr
herzlich und flüsterte ihr ins Ohr: „ Zum Regenbogen werden wir nie, aber
wir werden versuchen ihn zu retten! Morgen erzählen wir......“.
Sie nahm die Kleine an die Hand und sie gingen zurück
zum Lager. Die meisten Sachen waren gepackt und so ging es sehr schnell zum
Heim zurück. Das Abendessen war schnell vorüber, denn alle waren müde von
den schönen Tagen im Lager. Ganz besonders unser kleines Mädchen war
entsetzlich müde, obwohl ihr verständlicher weise noch tausend Dinge durch
den Kopf gingen. Sie räumte ihre Sachen wieder in die Schränke, soweit sie
nicht gewaschen werden mussten und ließ sich in ihr Bettchen fallen.
Sie machte ihr Licht aus und kuschelte sich unter die
warme Bettdecke als die Zimmertür noch einmal einen Spalt aufging und die
Lehrerin ihr leise eine Gute Nacht wünschte. Leise gab sie den Wunsch
zurück, drehte sich auf die Seite und schlief abrupt ein. Sicherlich hat sie
in dieser Nacht die merkwürdigsten Sachen geträumt. Das können wir uns
sicherlich alle vorstellen.
Am nächsten Tag, es war Wochenende, hatten die beiden
viel Zeit sich von ihren Erlebnissen mit dem Regenbogen und den Eindrücken
zu erzählen. Sie gingen zusammen zum See und durch den Wald spazieren und ob
man´s glaubt oder nicht, sie schmiedeten Pläne zusammen und ließen dabei
ihrer Phantasie freien Lauf. Manchmal konnte man glauben da liefen zwei
Kinder durch den Wald und nicht eine Mathematiklehrerin und ihre kleine
Schülerin.
Was aus den beiden geworden ist weiß niemand.
Vielleicht haben sie ja noch mehr solcher Menschen gefunden die mit dem
Regenbogen gegangen sind und ihn und alles Schöne auf dieser Erde nun retten wollen, wer weiß?
Den Gedanken aber selbst einmal ein Regenbogen zu
werden hat das kleine Mädchen wohl nie verworfen. Vielleicht nur aus dem
Grunde, den Menschen zu zeigen wie schön die Welt sein kann! Sicherlich aber
hat sie andere Wege dafür gefunden...........
